Und es geht auch sofort weiter...
13. April 2013, Samstag: 18. Tag, Lubbock - Brady ... ein (fast) reiner Fahrtag, wäre da nicht die Sache mit dem Portemonnaie...Wie gestern abend schon beschlossen, folgt heute ein reiner Fahrtag. Zum einen lassen wir uns am Morgen viel Zeit beim auschecken, Sylvia packt noch einmal die Koffer um (alte Wäsche / neue Wäsche), während ich ein geeignetes Motel vorreserviere, zum anderen wollen wir auch nicht allzu viel fahren, so dass ein heute ein scheinbar gemütlicher Tag bevorsteht. "Brady" heißt unser willkürlich gewähltes Ziel, denn hinter Brady fangen schon die Texas Hills an und wir wollen in Richtung Fredericksburg noch einmal diese schöne Gegend besuchen.
Nachdem in Brady die vermeintlich günstigen Motels irgendwie gar nicht so günstig sind, kann ich ausgerechnet im Holiday Inn Express eine Nacht für 99$ buchen - natürlich viel Geld, aber für Holiday Inn Express ein sehr guter Kurs. Sylvia läßt sich gerne verwöhnen und da wir in den letzten Tagen recht günstige Unterkünfte hatten, freuen wir uns schon im voraus auf das gediegene Flair eines gehobenen Motelstandards.
Dei Route für heute ist anspruchslos und gut zu packen:
Die Fotoapparate haben heute auch einen Ruhetag verordnet bekommen - bis auf eine einzige Ausnahme, als diese Ausfahrt auftaucht, da schnappe ich mir dann doch schnell die Kamera und schaffe es auch noch rechtzeitig, auf den Auslöser zu drücken - für das einzige Bild des Tages:

Eigentlich wäre es das schon für den heutigen Tag gewesen - wenn wir nicht durch irgendeinen 0815-Ort gekommen wären, wo wir an einer Kreuzung an der Ampel standen und diagonal auf der anderen Seite uns ein Starbucks seine Aufwartung machte. Da wir auch an diesem Morgen bei Whataburger waren (heute schon nicht mehr ganz so sauer - und dann wirklich lecker), haben wir auch heute nicht (wie sonst) einen halben "Sub" von Subway dabei. Sylvia, die ja bekanntermaßen immer Hunger hat (was wir ja nicht vergessen wollen) ist jedenfalls hoch erfreut, die Toilette könnte sie auch mal gebrauchen und für die Weiterfahrt ein leckeres Teilchen und einen schönen Kaffee - so soll es sein.
Frauen und Portemonnaies (oder auch Schlüssel oder andere Wertsachen), das ist ja ein eigenes Thema, da kann man wahrscheinlich ganze Romane drüber verfassen. Während Männer ihre Barschaft und ihren Schlüssel immer sicher in einer Jeanstasche stecken haben (bis auf Horst - der schmeißt Autoschlüssel auch gerne mal weg... aber das ist nicht repräsentativ), geht das bei Frauen überhaupt gar nicht. Da könnte die Hose ja ausbeulen - wie sieht denn das aus? Also wühlen Frauen immer in irgendwelchen Taschen / Beuteln / Rucksäcken oder sonstwo herum ("ich habe es sofort, Schätzchen, es geht gleich weiter!") und nach nur wenigen Augenblicken (ca. 1 - 2 Stunden) finden sie schon das gesuchte Teil im Chaos der Handtasche, ein Zustand, den sie "Ordnung" nennen. Ordnung ist das halbe Leben - aber die andere Hälfte ist schöner....
Meine Frau ist da ein Musterbeispiel - und insbesondere im Einfallsreichtum, wo man solche (völlig wertlose) Dinge überall hinstopfen kann, um sich das Leben zu erschweren (Hauptsache die Hose beult nicht aus!). So ergab es sich dann, dass dem Portemonnaie ein besonderer Ehrenplatz zukam: in einer vorderen Ablage der DSLR Tasche (für Sylvias eigene Kamera). Wenn man aus dem Auto steigt, erfolgt ein geübter Griff (quasi blind) hinter den Fahrersitz, ein Reißverschluss wird aufgezogen, ein Portemonnaie herausgenommen und mit dem Portemonnaie in der Hand (und NICHT in der Hose - die könnte ja ausbeulen) geht es dann in den Laden. Genauso auch jetzt.
In der Zwischenzeit bleibe ich im bzw. am Auto, ich steige auch mal aus, kann mich aber ohne Rollator gar nicht erst entfernen und vertrete mir so ein wenig die Füße. Starbucks ist leider nicht dafür bekannt, dass man dort pfeilschnell bedient wird - und so verrinnen auch heute die Minuten, aus 1 Minuten werden 2, aus 2 werden 5, aus 5 werden 10, aus 10 werden 15 - und immer noch keine Sylvia in Sicht. Ich setze mich wieder in das Auto hinein, weil ich überlege, ob ich es irgendwie schaffen kann, den Rollator selbst aus dem Wagen zu holen und damit mal loszustiefeln. Inzwischen sind schon über 20 Minuten herum - und das Wunder geschieht. Sylvia kommt es dem Laden, die Hände hoffnungslos überladen: zwei Kaffee - ich kriege ja auch einen - eine Tüte mit Teilchen - und wahrscheinlich auch noch irgendwo das Portemonannaie dazwischen (das würden Männer in die Hosentasche stopfen - aber halt - das geht ja bei Frauen nicht, das könnte ja ausbeulen).
Mit Volldampf und sichtlichst(!) angenervt tobt Sylvia auf das Auto zu - so schnell kann ich gar nicht reagieren, um die Türen aufzumachen. Schließlich schaffe ich das zwar, aber die Fahrertür will irgendwie nicht und ich muss mich über die Armlehne weit herüberlehnen, um die Türe von innen aufzustoßen. Sylvia ist in ihrer offensichtlichen Wut schneller, stellt kurzentschlossen den ganzen Krempel auf das Autodach und macht sich selbst die Türe auf.
Anschließend holt sie alles herein und erzählt von dem Chaos im Laden. Da wurde sie wohl andauernd übersehen, man hat ihre Bestellung falsch verstanden, sowieso hat es immer wieder idiotisch lange gedauert (weil zwischendurch auch immer sehr viel für den Drive Thru gebraut wird): schlicht, das war ein Scheiß-Starbucks. Nichtsdestotrotz ist es nun geschafft - auf Toilette war Sylvia auch, nun gibt es einen Biss in den Muffin und einen Schluck vom Kaffee - die Laune bessert sich zusehends.
Also fahren wir los. Nach ca. 10 Minuten fragt Sylvia: "Wo ist eigentlich mein Portemonnaie?" (Super Frage - wie soll ich das denn wissen? Meines ist in meiner Hosentasche, wo es immer ist - dafür ist meine Hose aber ausgebeult....).
"Was weiß ich" antworte ich. Sylvia packt sich an die Jeanstaschen, auch an die hinteren (was im Auto gar nicht so einfach ist). Nichts - alles leer. Was mich wenig überrascht, denn das würde ja ausbeulen...
Ich frage sie selbst, hast Du es im Laden gelassen? Das glaubt sie eigentlich nicht. Hast Du es vielleicht in der Hand gehabt und mit den anderen Sachen auf das Dach gelegt - und dort vergessen? Nein, das glaubt sie erst Recht nicht. Sie ist sich eigentlich ziemlich sicher, dass sie (wie immer) sich hingesetzt habe, die DSLR Tasche geöffnet habe und dort (wie immer) das Portemonnaie wieder hingestopft habe (alles hinter dem Rücken, aber alles in gewohnter Manier). Ich nehme mir die Tasche vor - außer DSLR und Objektiven ist da nichts drin. Jetzt wird Sylvia abwechselnd rot und dann blass - ich fordere sie auf, auf dem Seitenstreifen anzuhalten, um nicht auch noch einen Unfall zu bauen.
"Mir wird ganz schlecht - mein Portemonnaie ist weg" tönt es vom Fahrersitz. Ja - scheiße - sieht so aus. Was ist drin? Alles. Geld, Kreditkarten, Führerschein, Personalausweis. Nur die Pässe - die habe ich. Immer. Weil ich dieses Chaos hasse - und der Verlust des Portemonnaies von Sylvia ist zwar häßlich - aber kein Knockout. Ich habe auch noch Kreditkarten und ich habe die Pässe. Der Urlaub geht ganz sicher weiter.
Noch einmal gehen wir alle Varianten durch, Sylvia beharrt darauf, dass das Portemonnaie NICHT auf dem Autodach liegen geblieben ist. Also hilft nur eines: zurückfahren zum Starbucks. Machen wir das. Allein um Sylvia auf andere Gedanken zu bringen, denn das geht ihr doch ganz schön an die Nieren. Ich habe mich schon damit abgefunden und da ich darüberhinaus auch alle Sperrnummern für Sylvias(!) Kreditkarten auf meinem Handy gepeichert habe, habe ich wenig Sorgen. Ärgerlich und lästig, aber mehr auch nicht. Bargeld waren nur 100$ drin - ein verschmerzbarer Verlust. Selbst der Führerschein fehlt nur bedingt - denn wir haben ja zum ersten Mal einen internationalen Führerschein dabei - und den habe auch ich eingesteckt, zusammen mit den Pässen.
Beim Starbucks ergibt sich natürlich überhaupt nichts. Da weiß niemand etwas. Also hole ich mein Handy heraus und rufe bei der Berliner Landesbank an - um die Kreditkarte zu sperren. Die Verbindung ist sehr gut, ein freundlicher Mitarbeiter meldet sich, ich erkläre ihm das grundlegende Problem und übergebe das Handy dann an Sylvia, denn sie ist die Inhaberin der Karte nur sie kann sie sperren lassen. Es werden schnell die letzten Umsätze abgeglichen - der letzte war vor 30 Minuten bei einem Starbucks... (stimmt genau!). Nun wird die Karte gesperrt, ob wir in den USA eine neue bräuchten, ich winke ab, ich habe alleine drei Karten dabei, das reicht in jedem Fall.
Am Ende ist Sylvia wieder halbwegs beruhigt, sicherlich wartet zu Hause noch viel Papierkrieg und lästige Rennerei zu den Ämtern - aber das schlimmste ist durchstanden. Wir nehmen wieder Fahrt in Richtung Brady auf und ich spiele das ganze Scenario noch einmal durch. Es gibt eigentlich nur drei Varianten:
a) das Portemonnaie ist bei Starbucks liegen geblieben - das glaube ich aber nicht, das wäre gefunden worden.
b) das Portemonnaie ist auf dem Dach liegen geblieben und dann irgendwo heruntergefallen. Dagegen spricht, dass Sylvia sich total sicher ist, es dort weggenommen zu haben.
c) dann bleibt nur die Möglichkeit, dass das Portemonnaie bei uns im Auto ist - wir haben es nur noch nicht gefunden.
Mit dieser Logik fange ich an, während der Fahrt das Auto abzugrasen. Ich komme mit der Hand nicht in alle Ecken und Ritzen und auch nicht komplett unter die Sitze, da muss man ggf. in Brady nochmal nacharbeiten. Dann nehme ich mir unsere Provianttasche vor, so eine Art Einkaufstasche mit Müsliriegeln und Landkarten und Getränken drin. So ein wenig von allem etwas. Ich leere die Tasche vollständig vor mir aus - kein Portemonnaie dabei.
Dann nehme ich mir meine eigene DSLR Tasche vor. Wir haben ja jeder eine eigene Tasche, meine ist etwas kleiner als Sylvias. Schon als ich die Tasche auf den Schoss nehme, ist mir klar, was passiert ist. Denn die Tasche hat einen eigenartigen Knubbel an der vorderen großen Lasche - ich ziehe den Reißverschluss auf und finde ein Portemonnaie. Meines ist das nicht, denn meines ist in meiner Hosentasche. Sylvia hat beim Einsteigen und herumlavieren schlicht und ergreifend die falsche Tasche erwischt. Sylvia bekommt davon nichts mit, fragt mich aber dennoch, was ich denn da machen würde. Ich sage "ich suche Dein Portemonnaie".
Und ich füge hinzu "Hier ist übrigens ein Portemonnaie, das ist aber nicht von mir, obwohl es in meiner Fototasche ist, kennst Du das vielleicht?". Der riesige Felsbrocken, der dann von Sylvias Herz rutschte, liegt wahrscheinlich heute noch neben der Fahrbahn und kein Mensch weiß, wie der dahingekommen ist...
Die ganze Geschichte sollte übrigens noch ein unerwartet positives(!) Nachspiel für uns haben - aber das erzähl ich erst, wenn es soweit ist.