11. April: Hiroshima – Miyajima - HiroshimaIch wache schon um sechs Uhr auf, dabei gibt es doch heute morgen gar keine buddhistische Morgenzeremonie, an der ich teilnehmen könnte. Also bleibe ich liegen, surfe im Internet und schreibe Mails. Dazwischen schaue ich ab und zu aus dem Fenster. Leider wirkt der Himmel diesig, und am Boden offenbar Hiroshima auch nicht gerade besondere Schönheit.

Um neun Uhr verlasse ich dann das Hotel. Heute ist ein Besuch geplant, der mich auf meiner Reise am weitesten von Tokio wegführt, nämlich zur Insel Miyajima in der Inlandsee. Zuerst fahre ich mit der Straßenbahn Nr. 7 zum Bahnhof Yokogawa. In der Straßenbahn gilt ein Einheitspreis, man steigt also einfach ein und wirft beim Aussteigen Y 160 in den Münzschlitz neben dem Fahrer.

Ab dem Bahnhof Yokogawa nehme ich den Zug bis Miyajima-guchi. Die Fahrt dauert etwa eine halbe Stunde, und vom Bahnhof aus ist nach kurzem Fußmarsch auch die Fähre hinüber zur Insel erreicht, die erfreulicherweise im Railpass eingeschlossen ist.
Als ich zur Fähre gehe, merke ich schon, dass irgendwas mit dem linken Fuß nicht stimmt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich umgeknickt wäre, aber der Fuß fühlt sich verstaucht, gezerrt oder entzündet an, jedenfalls kann ich nicht richtig abrollen und verfalle auf den letzten Metern zur Fähre in ein leichtes Hinken. Hm, hoffentlich wird das nicht schlimmer.
Auf der Fähre tummeln sich schon mehrere Schulklasse, alle in den gleichen blauen Trainingsanzügen mit den gleichen blauen Umhängetaschen. Die haben bestimmt Wandertag. Als nach etwa 15 Minuten Fahrt die Fähre auf Miyajima anlegt, ist für die Schüler erst am Antreten zum Appell angesagt, dann setzen sich alle und lauschen den Anweisungen der Lehrerschaft, die ebenfalls in Trainingsanzügen unterwegs ist.

Ich gehe weiter an der Strandpromenade entlang, während ein paar Meter unter mir kleine Wellen auf den Sand schlagen. Miyajima, die heilige Schrein-Insel, zählt zu den drei schönsten Landschaften Japans. Wie in Nara gibt es auch hier Rehe, die sich auf Straßen und Wegen unter die Touristen mischen. Eine italienische Reisegruppe verfällt in kollektive verzückte „Bambi!“-Rufe, und ich denke mir, dass sie noch nicht wissen, wie gefährlich diese Bestien sind. Aber wie sich herausstellt, sind die Rehe hier auf Miyajima sehr nett und betteln ausgesprochen zurückhaltend und höflich, was wahrscheinlich daran liegt, dass es hier keine Reh-Kekse gibt und das Füttern ausdrücklich verboten ist.


Nach einem kurzen Spaziergang erreiche ich den Itsukushima-Schrein. Der Schrein wurde auf Stelzen über dem Wasser gebaut. Bei Flut reicht das Wasser fast bis zu den Gebäuden und Stegen. Das einfache Volk, das die Insel früher nicht betreten durfte, konnte bei Flut mit dem Schiff durch das berühmte „schwimmende“ Torii zum Schrein fahren, das ein Stück vor dem Schrein im Wasser steht. Jedenfalls steht das Tor im Moment noch halbwegs im Wasser, aber derzeit fällt das Wasser, in zwei Stunden soll tiefste Ebbe sein, dann kann man vielleicht sogar bis zum Tor gehen. Ich fotografiere das Tor und werde dann von ein paar reizenden japanischen Omis gefragt, ob ich ihre Gruppenfotos machen kann. Na klar. Ein paar Minuten später weiter unten am Strand treffen wir uns mit großem Hallo wieder und ich mache dann auch noch ihre Gruppenfotos am Strand. Als wir uns verabschieden, rufe ich ihnen ein Wort nach, das mir gerade aus dem Japanisch-Onlinekurs einfällt, nämlich „matane!“, bis bald! Die Omis kichern und ich bin stolz auf mich: Ich kann sogar auf japanisch scherzen, wer hätte das gedacht?

Im Schrein wird – wie sollte es anders sein – natürlich auch geheiratet. Naomi, bei der ich letzte Woche zu Besuch war, hatte auch hier geheiratet und sich anschließend mit der Rikscha durch die Straßen fahren lassen.






Von hier aus bummele ich immer noch leicht hinkend durch die Straßen hinter dem Schrein.


Ich streife durch ein paar Souvenirgeschäfte und erreiche schließlich die Senjokaku-Halle und die danebenstehende fünfstöckige Pagode. Senjokaku heißt übrigens „Pavillon der 1000 Matten“. Damit sind die angeblich 1000 Tatami-Matten gemeint, die in der Halle Platz haben. Die Halle ist nach allen Seiten offen. Am Eingang erklimmt man ein paar Stufen und zieht wie üblich seine Schuhe aus, bevor man den Holzboden betritt. Ein Ausländer weigert sich hier aber beharrlich, dieser Sitte zu folgen. Ich habe keine Ahnung warum, vielleicht sind ihm seine Socken peinlich? Das Problem ist allerdings schnell gelöst, denn die Frau am Kassenhäuschen bindet ihm einfach zwei Plastiktüten um die Füße. Laut raschelnd dreht er eine schnelle Runde durch die Halle und verschwindet dann gedemütigt, bevor ich ihn fotografieren kann. Also dann halt doch „nur“ Fotos der Sehenswürdigkeiten.






Als ich wieder zum Schrein zurückgehe, ist das Wasser so weit zurückgewichen, dass man zum Tor und sogar um das Tor herumlaufen kann. Hm, ganz schön groß.

Inzwischen ist es ein Uhr, und ich mache mich auf den Weg zur Seilbahnstation, um hinauf auf den 520 Meter hohen Berg Misen zu fahren. Die Frau, die die Tickets verkauft, sieht mich heranhinken und nennt mir ohne Nachfrage den Preis für Hin- und Rückfahrt. Eigentlich hatte ich ja vorgehabt, hinauf zu fahren und in eineinhalb Stunden runter zu laufen, aber mit dem Hinkefuß ist das wohl keine gute Idee. Netterweise ist die Seilbahn nicht voll und ich bekomme sogar ein Abteil für mich alleine. Nach der Warterei am Fuji und den vollgestopften Zügen und Seilbahnen dort empfinde ich das eigene Abteil hier als regelrechten Luxus.

Von einer Zwischenstation geht es dann noch ein Stück weiter hinauf. Nach dem Aussteigen hat man einen schönen Blick auf die Inlandsee, also das Meer, das zwischen den Hauptinseln Honshu (im Norden), Shikoku (im Süden) und Kyushu (im Westen) liegt. Hier mache ich kurz Rast und esse die gerösteten Kastanien, die ich mir unten im Ort noch gekauft habe.

Von der Seilbahnstation aus führt dann ein Wanderweg zum höchsten Gipfel der Insel und an einigen Tempeln und Schreinen vorbei. Zwischendurch treffe ich tatsächlich die japanischen Omis wieder, und wir begrüßen uns schon wie alte Bekannte.








Mir macht aber der schmerzende Fuß immer mehr zu schaffen. Der Weg besteht größtenteils aus unregelmäßigen Stufen, und zweimal falle ich beinahe hin, weil der Fuß beim Aufsetzen wegknickt. Ich bin jedenfalls heilfroh, als ich nach knappen zwei Stunden wieder die Seilbahnstation erreiche. Auf dem Weg nach unten fühle ich mich dann plötzlich, als hätte jemand auf einen Schlag sämtliche Energie aus meinem Körper gesaugt. Selber schuld, schimpfe ich mit mir, außer den Kastanien habe ich heute noch nichts gegessen. Warum bin ich eigentlich auch so blöd und mache immer wieder denselben Fehler und stürme ohne Frühstück und Proviant einfach los? Unten angekommen ziehe ich mir jedenfalls erst mal ein Schokoladeneis aus einem Automaten, das hilft gegen Entkräftung und schlechte Stimmung, aber leider nicht gegen Fußschmerzen. Aber immerhin kann ich hier auf dem ebenen Boden wieder viel leichter gehen.
Ich kaufe T-Shirts mit Drachenmotiven für die Patenkinder, eine Schachtel mit den typischen Süßigkeiten der Insel, nämlich gefüllte Biskuits in Form von Ahornblättern und finde dann ein Restaurant, das noch geöffnet ist, was nachmittags um halb fünf gar nicht so einfach ist, denn die Insel ist ein Tagesausflugsziel und viele Leute sind schon auf dem Weg zur Fähre. Das Restaurant bietet wieder die typischen Hiroshima-Pfannkuchen an. Ich setze mich an die Theke, trinke ein Bier, und esse einen Pfannkuchen mit Shrimps.


Insgesamt sind meine Abwehrkräfte heute offenbar empfindlich geschwächt, vielleicht liegt es aber auch an der Enthemmung durch das große Bier, denn nach dem Essen kaufe ich mir tatsächlich für 650 Yen eine knallbunte Hello-Kitty-Tragetasche. Dann ist schon die Zeit gekommen, wieder zum roten Tor zurückzugehen, denn es dauert nicht mehr lange bis zum Sonnenuntergang. Zum Glück gibt es kaum noch Wolken, und die Sonne scheint golden durch das Tor.


Motiviert durch das schöne Fotomotiv, will ich die letzten Fotos für heute von der anderen Seite der kleinen Bucht machen und humpele hinter dem Schrein vorbei und zur Uferpromenade auf der anderen Seite der kleinen Bucht. Es wird dunkel, und so langsam beginnt das rote Tor im Licht der Scheinwerfer zu leuchten. Leider ist es ein wenig windig, und mein Gorillapod kein richtiges Stativ, so dass ich einige Fotos machen muss, bis dann doch ein verwacklungsfreies dabei herauskommt. Vor mir glucksen die Wellen gegen die Mauern, im Hintergrund fahren ab und zu beleuchtete Fähren vorbei, und das Tor leuchtet geheimnisvoll über dem Wasser. Nach Sonnenuntergang noch hier zu bleiben hat sich absolut gelohnt.

Schließlich mache ich mich langsam auf den Weg zurück zum Fährhafen, nehme die Fähre um acht Uhr und den Zug um kurz vor halb neun zurück nach Hiroshima. Hier am Bahnhof Miyajima-guchi liegen auf den harten Holzstühlen am Bahnhof übrigens nette Sitzkissen. Auf einem deutschen Bahnhof wäre so etwas wohl nicht vorstellbar.

Nach einer Straßenbahnfahrt hinke ich schließlich die letzten Meter ins Hotel, wo ich gegen neun Uhr ankomme und erschöpft aufs Bett falle. Ich fühle mich irgendwie gar nicht gut, gerade so als wäre ich auf dem besten Weg zu einer fiesen Erkältung. Als ich meine Mutter über Skype anrufe, erzähle ich ihr aber lieber nur was von dem bösen Fuß, sonst macht sie sich noch unnötige Sorgen um das arme Kind, das krank in Hiroshima im Hotelzimmer liegt. Ich lutsche provisorisch Halsschmerztabletten und nehme eine Aspirin, dann lege ich mich schlafen.
Ausgaben des Tages:Straßenbahnfahrten Y 320
Itsukushima-Schrein Y 300
Senjokaku-Halle Y 100
Seilbahn Y 1800
Abendessen Y 1600
Getränke Y 300
1 ÜN im Crowne Plaza Y 8500
Das rote Tor von Miyajima nach Sonnenuntergang: unbezahlbar