14. April: Shirakawago - Takayama (Teil 2: Takayama)
Der Bus nach Takayama ist bis auf den letzten Platz voll. Neben mir sitzt ein Ire, und natürlich kommen wir über unsere Reisepläne und Erfahrungen ins Gespräch. Er bestätigt meine Erfahrungen, die mir gestern auch schon zwei Amerikaner bestätigt haben: Dass die Leute in Japan uns unwissenden hilfsbedürftigen Ausländern gegenüber unglaublich nett und hilfsbereit sind.
Auf der fünfzigminütigen Fahrt passieren wir viele lange Tunnels. Streckenabschnitte unter freiem Himmel sind klar in der Minderzahl. Mit leichter Verspätung – vermutlich muss der Busfahrer deshalb heute noch seine Kündigung anbieten – kommen wir dann in Takayama an. Hier habe ich für zwei Nächte ein Zimmer in einem Ryokan gebucht, nämlich im Hodakaso Yamano Iori, und obwohl mich der ausgedruckte Plan erst mal kurzzeitig in die Irre führt, komme ich schon gegen halb zwei dort an und stelle erfreut fest, dass an einem Fach am obligatorischen Schuhregal am Eingang sogar schon mein Name steht. Dort stelle ich auch gleich mal meine Schuhe ab, schlüpfe in die Pantoffeln und checke ein, zumindest auf dem Papier, denn ins Zimmer kann ich erst um drei. Ich will aber sowieso los, denn heute hat das Takayama-Festival begonnen.
Das Takayama-Festival wird zweimal im Jahr gefeiert, am 14. und 15. April und am 9. und 10. Oktober. Beide Festivals gehen von unterschiedlichen Schreinen der Stadt aus. Jetzt im Frühjahr ist der Hie-Schrein der Ausgangspunkt des zweitägigen Festivals, das mit Prozessionen, Vorführungen mit mechanischen Puppen und der Ausstellung der Festival-Wagen in den Straßen von Takayama begangen wird. Die Höhepunkte beider Festivals sind die Abende des 14. April bzw. 9. Oktober, an denen die beleuchteten Festival-Wagen durch die Straßen gezogen werden.
An der Rezeption bekomme ich netterweise schon eine Festival-Broschüre, und der Mitarbeiter erklärt mir, wo um drei Uhr die Vorführung der Puppen stattfindet. Ich spaziere los, erst mal an einem kleinen Schrein in der Nähe vorbei. Hier hängen keine Ema-Täfelchen, sondern Puppen, das habe ich jetzt noch nirgends gesehen.



Inzwischen füllen sich die Straßen, einige sind schon für den Autoverkehr gesperrt. Ich gehe durch die historische Altstadt, immer den anderen Leuten nach. Am Rand der Altstadt sind schon vier der Festival-Wagen aufgebaut, und obwohl es gerade erst zwei Uhr ist, sind die Wagen, auf denen nachher die Vorführungen stattfinden, schon eng umlagert. Na gut, wenn ich nach zwei Wochen Japan eines kann, dann mich hinzustellen und zu warten. Also sichere ich mir meinen Platz vor den drei Wagen, creme mich dick mit Sonnencreme ein und ziehe mir sicherheitshalber noch den Schal halb über den Kopf, denn die Sonne strahlt immer noch vom wolkenlosen Himmel.


Nach einer Stunde Wartezeit geht es dann auch pünktlich los. Die Puppen geben jeweils viertelstündige Vorstellungen. Gelenkt werden sie dabei von bis zu sechs Puppenspielern, die hinter einem Vorhang oder im Inneren des Wagens sitzen. Zuerst ist die Puppe auf dem linken Wagen dran. Die schiebt sich langsam nach vorne zu dem dort aufgestellten Kasten und nimmt dann tatsächlich die dort griffbereit wartenden Utensilien fürs No-Theater, einen Fächer und ein Glockenspiel in die Hände. Zum Schluss beugt sie sich noch mit dem Gesicht in den Kasten und hat plötzlich eine No-Maske im Gesicht. Ich habe keine Ahnung, wie das funktioniert, es ist jedenfalls eindrucksvoll.


Die nächste Puppe bekommt während ihrer Vorstellung zunächst mit etwas Hilfe von zwei schwarzgekleideten Personen eine Drachenpuppe in die Hand und vollführt einen Drachentanz. Dann verwandelt sich die Puppe plötzlich selbst in einen Drachen.


Zum Schluss wird auf dem dritten Wagen eine kleine Szene gezeigt: Zuerst trägt eine Puppe ein Fass bis zu dem kleinen Tisch vorne am Wagen. Als sie gegangen ist, springt das Fass auf und ein Derwisch dreht sich wild vorne auf dem Wagen.


Ich hatte ja vorher eher so etwas wie das „Urmel aus dem Eis“ erwartet und bin von den Vorführungen echt geplättet. Gut, dass ich so früh da war und alles sehen konnte.
Nach den Vorführungen komme ich auch näher an die Wagen ran. Die sind alle prachtvoll mit Schnitzereien und Vergoldungen ausgearbeitet. Wohin man schaut Blumenmotive und vor allem unterschiedlichste Drachen.









Kurz darauf führt eine kleine Drachentanzgruppe in der Nähe einen Tanz auf. Ich wandere noch ein wenig durch die Straßen in der Hoffnung, noch weitere Wagen zu entdecken, denn laut Broschüre sollen die in den Straßen ausgestellt sein, aber ich finde nur leere Depots. Na, vielleicht habe ich morgen mehr Glück. Zumindest einen der Wagen von vorhin kann ich noch sehen, als er gerade für den abendlichen Umzug bereitgemacht wird.



Auf dem Rückweg zum Hotel hole ich mir noch zwei gefüllte Klöße und checke dann in mein Zimmer ein. Das ist richtig schön, eine Mischung aus traditionellem Tatami-Zimmer mit angrenzendem Bad und Toilette. Ein Hoch auf laterooms.com, die dieses Zimmer vor zehn Monaten im Sortiment hatten.


Ich lege nur kurz die Füße hoch, ziehe die dicke Weste über, dann mache ich mich auf den Weg zurück in die Altstadt, denn um sechs Uhr soll der abendliche Umzug beginnen. Um viertel vor sechs sichere ich mir einen Platz auf der Brücke, von der aus man eine gute Sicht auf die angrenzende rote Brücke hat, über die die Festival-Wagen später kommen sollen. Leider dauert es dann doch noch bis um sieben Uhr, bis der Umzug tatsächlich beginnt. Ein Thailänder, der neben mir steht, hofft noch bis zum halb sieben, dass es endlich losgeht, dann muss er zum Zug rennen, denn er hat in Takayama kein Zimmer mehr bekommen. Auch andere Leute brechen zwischendurch auf. Ich bin froh, dass ich hier übernachten kann und ohne Zeitdruck auf den Umzug warten kann. Und dann kommen die Wagen endlich.

Nach ein paar Wagen gehe ich weiter, um mir einen anderen Standort zu suchen, zuerst mal in einer Straße nahe der Brücke, aber hier ist schon unglaublich viel los.

Also weiter, zu einem entfernteren Teil der Strecke. Hier kann ich mich problemlos am Straßenrand positionieren und auf die Wagen warten. Angeführt werden sie von der Drachentänzertruppe, dann folgt der Trommelwagen und dann nacheinander die Festwagen. Sie werden jeweils an langen Seilen durch die Straßen gezogen, auf einigen von ihnen sitzen Musikanten, und Kinder winken zwischen den Laternen.






Als schließlich der letzte Wagen an mir vorbeigerollt ist, humpele ich gegen halb neun ziemlich geschafft zurück ins Hotel. Der Schnupfen ist wieder schlimmer geworden, der Fuß ist auch noch nicht richtig in Ordnung. Für morgen ist mein Plan relativ entspannt: einfach mal die kleine Stadt erkunden und schauen, was rund um das Festival so los ist und evtl. eine kleine Wanderung zur alten Burgruine. Und einfach mal ausschlafen.
Ausgaben des Tages
Wada-Haus Y 300
Freilichtmuseum Y 500
Busfahrt nach Takayama Y 2400
Snacks und Getränke Y 1200
1 ÜN im Hodakaso Yamano Iori Y 11000
Beim Takayama-Festival ein Zimmer in der Stadt zu haben: unbezahlbar