15.Tag, 14.7.2013, SonntagWenn man um 5:30 Uhr den lieblichen Schalmeien des Weckers folgt, sich aus dem Bett hochquält, einen Blick aus dem Fenster riskiert und dann auf Katastrophenwetter blickt hat das wenigstens einen Vorteil – man kann sich noch einmal hinlegen.
Wir dösen also noch einmal ein und stehen schließlich um 6.15 Uhr auf – aufgeben wollen wir noch nicht. Schon gar nicht bevor der Tag für uns begonnen hat – wir sind ja in Island.

Dennoch – daß das Wetter so mies werden würde – alles düster, Regen, nicht mal eine Wolkenstruktur – das hatte uns der Wetterbericht heute anders versprochen – also etwas gedämpft ist die Euphorie schon – denn auf diesen Tag hatten wir uns besonders gefreut – wir wollen ins Hochland zu bunten Bergen, durch viele Flüsse und zum Langisjor See.

Nach einem eingesprungenen Kaffee legen wir ein paar Minuten später ab und biegen nach sehr kurzer Fahrt bereits auf die 208 die hier ihr einstmaliges „F“ verloren hat – das sie aber später wiedergewinnen wird. Unser erster Stop ist ein kleiner Abstecher den wir trotz nasser Schafskälte und Fieselregen unternehmen – es geht zum Valley of Tears (der Name passt gerade in jeder Beziehung) und das Wetter wird gefälligst ignoriert. Na ja, wir tun zumindest so.
Der Angestellte im Hrauneyjar Center hatte uns gestern ja den Tipp mit der Zufahrt der Kraftwerkmitarbeiter gegeben und das probieren wir jetzt einfach mal aus.
Nach einigen hundert Metern teilt sich die Strecke aber es ist eigentlich klar, daß wir die Richtung wählen müssen die zum Stausee führt.
Nach weiteren hundert Metern halte ich den Wagen an, steige aus und peile die Lage und die ist gar nicht so schlecht.
Der Regen hat gerade ein wenig nachgelassen und hey – die Schlucht haben wir tatsächlich gefunden.
Ein toller Canyon über den je nachdem mal mehr oder weniger Wasser vom Stausee die Canyonwand in Form von vielen kleinen Wasserfällen hinunterfällt.
Das Tal der Tränen – eine Symbolik für den Zwiespalt, den die Isländer mit der Nutzung ihrer Natur als Energielieferant haben.
An einigen Orten wurde Natur zu Gunsten der 300.000 Einwohner bereits dramatisch verändert. Die Medaille hat natürlich zwei Seiten.
Wohlstand oder Naturschutz.

Wir holpern die kurze Piste zurück zur 208 und brettern weiter nach Süden in Richtung Hochland. Wir haben nur diesen Tag für das Gebiet – und hoffen einfach auf noch besseres Wetter.

Immerhin bleibt es nun trocken und die Landschaft verbreitet fast so etwas wie einen mystischen Zauber.

Obwohl diese Strecke bisher in jeder unserer bisherigen Reisen mit im Programm war kommt sie uns heute fast wie neu vor.

Ohne Moos nix los.


Die Berge beginnen zu leuchten, die Wolken dampfen über ihren Gipfeln, eine fantastische Stimmung.

Die Begeisterung für Islands Natur hilft auch die eisigen Temperaturen und den kalten pfeifenden Wind zu verdrängen, mit denen wir an diesem Morgen konfrontiert werden, eigentlich geeignet um sich einen Tag in der Nähe der Heizung mit Glühwein zu beschäftigen. Ja, so ein isländischer Sommer hat vieles womit er überraschen kann.


Wir sind inzwischen so richtig in die schwarze Lavawüste eingetaucht.

Hier im sogenannten Fjallabak Naturschutzgebiet erhält der schwarze Lavasand aber in Form von bunten Bergen abwechslungsreiche Gesellschaft.
Diesen „Sommer“ liegt auch jetzt Mitte Juli noch (oder wieder) Schnee auf den Bergen was zu dem schwarzen Sand und den mal gelben, mal grünen Moosen und den orangen Liparitbergen eine weitere Farbkomponente liefert die uns begeistert.

Teilweise scheint diese unwirkliche, unwirklich schöne Landschaft wie mit Leuchtdioden bestückt und durch den Regen frisch für uns geputzt.
Ganz verstohlen bricht hier und da mal ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke - das ist wieder dieses Island das uns einfach umhaut und immer wiederkommen lässt. Ein wundervolles Land, das immer wieder aufs Neue für Spannung und Überraschungen sorgt.


Auf einer Anhöhe sehen wir einen Allrad parken.

Wir sind neugierig und fahren eine Piste den Berg hinauf und stoßen auf einen Kratersee.
Beim Blahylur handelt es sich um einen Explosionskrater der zum Vulkansystem der Veiðivötn gehört.
Von hier oben hat man auch einen herrlichen Blick hinab in die Landschaft.
Wir fahren zurück zur 208 aber wirklich gut voran kommen wir nun nicht mehr. Ein Motiv nach dem anderen zwingt uns zum anhalten und wir stellen uns auf diese doch völlige Veränderung unserer Stimmungslage gerne um.
Heute Morgen noch wettermäßiger wie persönlicher Weltuntergang und nun jagt ein Hochgefühl das nächste und ….. dieser Tag und diese Gegend hat noch viele Pfeile im Köcher.

An der Kreuzung der 208 und der F225 geht auch noch eine Piste hinauf zum Ljotipollur Kratersee.

Auch hier wird uns farblich einiges geboten.

Blick vom Ljotipollur Kratersee hinab auf die Flussarme der Tungnaa

Je näher wir an Landmannalaugar herankommen umso bunter und leuchtender werden die Farben.

Für einen kurzen Blick fahren wir zwar den kurzen Abstecher nach Landmannalaugar (und beobachten einen Bus beim Furten).

Hier wandern wollen wir dieses mal nicht – wir haben andere Pläne.

Nach einem kleinen Frühstück am Auto geht die Fahrt weiter nach Süden auf der F208.

Die ersten Flüsse müssen gefurtet werden – 5 von ihnen sind als tiefer eingestuft und haben Warnschilder und teilweise sind Markierungspfosten abgesteckt die den Weg durch den Fluß vorschlagen.

Wir haben keine Probleme und wenn uns nicht ständig die Landschaft zum Anhalten zwingen würde kämen wir bestens voran.

Die Strecke wird immer spektakulärer und führt im auf und ab durch Täler und über Berge, durch viele Flüsse (wir fallen fast von einer Furt in die nächste) ...

... und bietet alle paar Meter eine neue Perspektive.

Eine absolut grandiose Gegend durch die die F208 hier führt. 30 Kilometer nach der Kreuzung bei Landmannalaugar kommt die nächste größere Abzweigung – die F235 und genau die war der eigentliche Grund warum wir überhaupt bis hierher gefahren sind – denn die F235 soll uns zum Langisjor See führen.
Gleich zu Beginn der 23 km langen Piste wartet das größte Problem – die schwerste Furt – die sich letztendlich aber als unproblematisch herausstellt.

Die Strecke bietet neben weiterhin schönen Hochlandlandschaften endlos viele kleine Flüsse.
Wir nehmen uns vor, die Flussdurchquerungen auf dem Rückweg zu zählen – wobei wir nur die zählen wollen die wirklich fließendes Wasser haben – größere Pfützen fallen durch „unser Raster“.

Während wir schon Wetten abschließen wie viele Furten das heute insgesamt werden haben wir auch schon den Langisjorsee erreicht, halten an einem Parkplatz in der Nähe des Sees und laufen einen Pfad etwa 500m hinauf auf einen Aussichtshügel.

Ein Juwel unter den isländischen Seenlandschaften - 20 km lang und bis zu 2 km breit. Bis zum Ende des 19.Jahrhunderts wussten von seiner Existenz nur Schafhirten und Bauern, die am Sommerende nach verirrten Schafen suchten.
Für einen ersten Blick schon mal recht ansprechend.
Doch damit sind wir noch nicht zufrieden.

Vom ersten Parkplatz geht ein Pfad hinauf auf den Sveinstindur, den Berg, der die Gegend um dem Langisjor beherrscht.
Der erste Abschnitt hinauf auf einen Sattel ist ganz gut zu gehen aber geht schon ordentlich in die Beine und die Pumpe bekommt gut zu tun.
Beim zweiten Abschnitt auf einen der unteren Berggipfel ist allerdings schon Trittsicherheit gefragt. Der sandige Weg mit sehr steilem Anstiegswinkel kostet Körner – auch weil man immer wieder mal etwas im Sand zurückrutscht. Gar nicht so einfach eine Stelle zu finden, an der man anhalten und das Stativ aufstellen kann. Filmen aus der Hand wäre gerade sowieso völlig unmöglich bei einem Puls von 585.

Oben angekommen wird man für die Anstregung mit einem tollen Blick auf den See ...


... und die Umgebung belohnt.

Von oben sehen die parkenden Autos wie weiße Streichholzschachteln aus.
Ganz nach oben – poah – das ist dann doch too much und inzwischen ist es auch schon fast 16 Uhr und noch eine Menge Weg vor uns.
Mehr an Ausreden fällt mir nicht ein – jedenfalls war es bis hierhin schon sch...anstrengend genug.


Auf der Fahrt zurück über die F235 und F208 entdecken wir trotz gleicher Strecke noch neue Motive und zudem zählt ja diesmal das „Furtkomitee“ die Flußdurchquerungen.

Ergebnis – Genau 70 Flüsse haben wir auf der F208 und F235 auf Hin- und Rückweg passiert.

Viel Wasser um die Reifen an diesem Tag - nicht nur bei uns.
Wie heißt es in einem alten Schlager - über 70 Flüsse musst Du gehen … (oder so ähnlich

).

Wie es dieser PKW so weit ins Hochland geschafft hat ist uns ein Rätsel.
Der Fahrer geht auch mehrfach die Furt zu Fuß ab und findet schließlich eine Route die er mit seiner Seifenkiste passieren kann - mutig, gekonnt oder auch viel Glück?
Wahrscheinlich mit dem Auto von allem ein bisschen.

Wir biegen auf die F225 ab, die in Island Landmannaleid heißt. Eine ebenso reizvolle Strecke mit allerdings deutlich weniger Furten. Nur eine wirklich fordernde und ein paar kleine Gewässer gilt es zu durchqueren – nach wie vor kein wirkliches Problem. Unser Nissan Terran schlägt sich überhaupt wieder einmal bestens.
Kein Gemucker, kein Problem an einem der Flüsse, kein Ausfall, alles perfekt.
Die über 180.000 km die er auf den Hacken hat machen sich nicht nachteilig bemerkbar.

Die Strecke auf der Landmannleid gewährt uns am Ende sogar noch einen ungetrübten Blick auf die Hekla – den wohl bekanntesten Vulkan Islands.
Die 1491m hohe Hekla ist der Zentralvulkan einer 40 km langen Vulkanspalte und mindestens 7000 Jahre alt. Der Berg gehört zu den drei aktivsten Vulkanen Islands. Die beachtlichen Eruptionen des Vulkans haben immer wieder große Teile von Island mit vulkanischen Aschen und Gestein bedeckt. Etwa zehn Prozent der Asche die in den letzten 1000 Jahren auf Island ausgestoßen wurde, stammt von der Hekla.

Ehrfürchtig machen wir ein paar Aufnahmen und legen die letzten Kilometer auf der 225 zurück bis wir die 26 und wieder so etwas wie mehr oder weniger Zivilisation erreichen (na ja – das heißt ja generell in Island nicht viel – und wirklich viel ist hier auch schon mal gar nicht nur ein paar Hüttchen hier und da kann man nach einigen Kilometern nach Süden wahrnehmen).

Wir sind mit dem Tag zwar schon hochzufrieden und müde wären wir auch aber gnadenloserweise geht es noch zu zwei Wasserfällen die sich unweit der 26 vor neugierigen Blicken verstecken. Da wären zunächst die breiten Stromschnellen des Tröllkonuhlaup.

1-2 Kilometer später zweigt eine 4km lange Piste zum Thojafoss ab der den kleinen Abstecher durchaus wert ist.
Ein schöner Abschluß eines absolut fantastischen Tages.
Zumindest bis hierhin.
Wie schon angemerkt gibt es in dieser Gegend westlich der Landmannaleid kaum Unterkünfte. Das wenige was es gibt war entweder anderweitig vergeben oder zu teuer.
Blieb eigentlich nur eine an sich nett klingende Hütte beim 3-Häuserkaff Gallalaekur II.
Begrüsst werden wir dort von einer etwas merkwürdigen Frau – das Büro voller kitschiger Staubfänger, trotz E-Mail Reservierung und Bestätigung ist sie überrascht daß wir nun gekommen sind und ständig wünscht sie uns ein „Good Life“. In der Küche sollen wir auf gar keinen Fall Dreck machen (wohl am besten gar nicht kochen) …. na die ist uns ja gleich vom Fleck weg sympathisch.
Eine richtige Isländerin kann das nicht sein. Außer Isländer sind so wenn sie völlig einen an der Klatsche haben.
Jedenfalls fährt sie die 100 Meter zu der Hütte mit dem Auto vor.
Wir folgen und die Hütte erweist sich so wie es die Vermietern erahnen ließ:
Ungemütlich, eng und einfach abgewrackt.

Die Grand Hyatt Präsidenten Suite
Gäbe es hier in der Gegend auch nur einen Ansatz einer Alternative – wir würden auf das Geld verzichten und einfach weiterfahren.
Zu allem Überfluss gibt es hier zwar kein Internet dafür aber doch ziemlich nervige Fliegen – wobei für Essen im Freien wäre es sowieso zu kalt.
Na ja, das muss das Bier und der Gin Tonic dann später wieder richten.
Wir hatten uns die Möglichkeit offengelassen hier eine zweite Nacht zu verbringen – das ist schon mal ad acta gelegt.
Ich absolviere einen 5-minütigen Marsch durch das Unterholz zu einer Dusch-Cabin in der die Spinnweben von möglichen Kleinsttiersichtungen künden.
Petra bereitet inzwischen eine Tütensuppe vor in die wir ein paar Bockwürste aus den kärglichen Restbeständen (einkaufen war zuletzt ja nicht) dazu spendieren.
Passend zur Unterkunft schmeckt diese Tütensuppe so grauenhaft, daß wir sie nicht einmal mit Alkohol hinunterspülen wollen.
So bleibt noch eine Packung Thaicurry und ein Beutel Reis – immerhin – es macht uns ein wenig satt und zumindest an spirituellem Beistand fehlt es letztendlich nicht - auf den Gin Tonic ist Verlass.
Mal abgesehen von dieser Bruchbude ein absolut starker Tag mit Eindrücken die wir so schnell nicht vergessen werden.
Ü: Galtalaekur II, Cabin
Bild des Tages:
Am Südende des Langisjor Sees