9.Tag, 8.7.2013, MontagSchon beim Aufstehen fühlt sich das heute wie ein merkwürdiger Tag an.
Es ist immerhin schon 10 Uhr.
Gut, gegen 8.30 Uhr haben wir bereits einmal kurz aus dem Fenster gesehen und sind fluchtartig ins Bett zurück. Das Wetter war so schlecht, daß es sogar durch die Scheibe einen Fluchtreflex ausgelöst hat.
Nach Duschen und gemütlichem Frühstück lassen wir es weiterhin gemütlich angehen. Unser Wettergott Belgingur verspricht ab Nachmittag trockenere Phasen – na ja, klingt nicht wirklich toll aber mehr ist heute halt nicht drin.
Ich trage meine Notizen nach, sichere meine Fotos auf das Netbook, Petra liest ein paar Seiten und schließlich schaut auch Sigrun vorbei und wir halten ein kleines Schwätzchen.
Wie sie uns erzählt ist ihre Bude proppenvoll. Nach 20 Uhr musste sie gestern noch für Gäste kochen die direkt vom Flughafen hungrig hierherkamen und deren Koffer dann nachts um 2 Uhr nachgereicht wurden.
So ein Leben als Zimmervermieterin ist auch kein Zuckerschlecken.
25 Jahre pendelt sie schon zwischen Berlin im Winter und ihrem Gästehaus bei Vík í Mýrdal, kurz Vik, im Sommer.

Das ist übrigens kein Blick in einen isländischen Knast sondern unser Zimmer.

Wir finden es dort eigentlich ganz gemütlich und schätzen die Größe des Raumes.

Gegen Mittag brechen wir dann doch auf und fahren zur Küste bei den Reynisdrangar, den berühmten Vulkanfelsen im Meer, die so etwas wie das Wahrzeichen von Vik sind.

Selbst bei diesem miesen Wetter sind erschreckend viele Leute hier.
Ja ich weiß – man ist selbst Tourist und auch einer der Masse – aber der Zuwachs an Leuten ist schon ein bisschen erschreckend.
Ich schmunzle als ich Leute sehe, die vor den Ausläufern der Brandung davonrennen. Anfänger.

In meinen kleinen Canon Foto habe ich am Parkplatz noch eine neue Karte eingelegt – die alte hatte ich ja eben noch auf dem Zimmer übertragen. Ein glücklicher Umstand – immerhin. Denn gleich ist es mit dem Glück für heute vorbei.
Ich überlege mir gerade wie ich eine Szene mit der Filmkamera umsetzen könnte und stehe mit dem Rücken zum Meer als sich hinter mir eine Monsterwelle aufbaut deren Ausläufer bis an die obersten Bereiche des schwarzen Lavasandstrandes hochbraust.
Im letzten Moment bekomme ich das mit und springe reflexartig in die Luft um trockene Schuhe und Hose zu bewahren – aber beim Landen auf dem Boden sinke ich doch in das zurückfließende Wasser ein.
Anfänger.

Nasse Hose und Schuhe - nicht so schlimm. Schlimm ist allerdings als uns wenige Sekunden später Leute fragen ob uns diese Kamera gehört die da am Boden liegt.
Sch... die hatte ich mir vorhin in die Brusttasche des Hemdes gesteckt und bei meinem dilettantischen Hopser muss die herausgesprungen und zu Boden und ins Wasser gefallen sein. Na klasse.

Einschalten lässt sie sich schon mal nicht.
Wir fahren zurück aufs Zimmer ich wechsle Hose Schuhe und Strümpfe, nehme Akku und Karte aus dem Foto und hoffe auf ein Trocknungswunder.
Immerhin – alle Bilder die ich bis dahin gemacht hatte waren ja auf der ersten Karte und die ist auch noch gesichert. Glück im Unglück. Wäre das anders gewesen hätte es mir wirklich die Laune verhagelt.
So nehme ich das sportlich. Sollte es der Foto nicht mehr tun – lasse ich mir immer wieder mal Petras DSLR geben, damit wir auch ein paar Bilder von ihr haben. Schade ist es allerdings schon, da meine unkonventionellen Dokubilder für den Bericht schon den einen oder anderen peinlichen Beleg erbracht haben, daß man auch mit unqualifizierten Bildern Leuten eine Freude machen kann.
Nachdem ich wieder trocken gelegt bin ziehen wir wieder los. Unser Ziel ist das mystische Flugzeugwrack am Strand von Solheimar.
Vor 3 Jahren waren wir dort im zweiten Anlauf, nachdem wir die Furt dann doch überwinden konnten.
Inzwischen kennt man im Web auch eine Anfahrt die ohne Furt auskommt und die wollen wir heute mal probieren.
Der Einstieg ist dank GPS schnell gefunden und schon brausen wir über den pechschwarzen Lavasand in die Nebelbank hinein.
Spuren gibt es hier so ziemlich in jede Himmelsrichtung und das GPS zeigt ja nur das Ziel und nicht den besten Weg dorthin.
Bei den miserablen Sichtverhältnissen ist auch kaum zu hoffen, daß wir das Wrack aus größerer Entfernung sichten können.
Einmal landen wir in einer Sackgasse und müssen umdrehen.

Der zweite Anlauf führt uns nach einigen Minuten schließlich auf einen Hügel und plötzlich unvermittelt liegt es vor uns – wie aus einem Horrorfilm ...

... der psychopathische Mörder mit der Axt schleicht noch irgendwo herum und die Crew liegt aufgeschlitzt unter der Erde verscharrt.

Wobei, als wir näher kommen – so ganz verschwunden ist die Crew noch nicht.
Einer ist noch da – nur das kleine Auto passt nicht in die Geschichte von dem Flugzeugmörder. Was generell überhaupt nicht passt ist die Tatsache daß sich dieser Spezialist mit seiner Karre direkt neben das Wrack gestellt hat.
Wir rollen neben sein geparktes Auto und sprechen ihn schließlich an (Grande Nation - Franzose – auch das noch!) ob er sein Auto für unsere Aufnahmen etwas zur Seite fahren könnte. Das bringt uns ein zwar zustimmendes aber absolut wirres Gefasel ein. Überhaupt wirkt der Typ wie nicht von dieser Erde und scheint ein ganz besonderer Fall. Als Outfit stilsicher einen knallgelben Overall mit der Aufschrift „Air France“ und in der Hand ein Gull Bier. Sein Atem und seine wacklige Körperhaltung lassen ahnen, daß das Bier wahrlich nicht sein erstes heute ist, und wir haben erst frühen Nachmittag.
Und so einen Vollpfosten trifft man hier in der Einöde am Flugzeugwrack. Vor drei Jahren noch undenkbar.
Dann kommen auch noch ein paar deutsche Touris herangefahren, springen um das Wrack herum und stellen ebenfalls ihr Auto daneben.
Es wirkt gerade fast wie auf einem Rummel.
Wir legen erstmal eine kleine Magenversorgung im Auto ein und 10 Minuten später sind die vier Deutschen wieder verschwunden nur unser Franzmann hält sich tapfer an seinem Bier fest und lallt irgendetwas undefinierbares in unsere Richtung.
Solange er nicht kollabiert lassen wir ihn einfach stehen und machen unsere Aufnahmen.

An sich ja ein tolles Motiv – aber irgendwie hatten wir heute und hier nicht mit sowas gerechnet – sonst wären wir wohl gar nicht hergefahren.

Größenvergleich mit unserem Auto


Wir kehren wieder auf die 1 zurück und folgen Islands Hauptverbindungsstraße etwas nach Westen. Bis zur kurzen Piste die zum Solheimarjökull führt.
In unserem ersten Islandjahr waren wir die Strecke am Anfang und am Ende gefahren – allerdings aus Versehen. Der Aha-Effekt traf uns erst am Parkplatz als uns doch manches bekannt vorkam.
Das ist heute anders, denn in 4 Jahren hat sich so einiges verändert.
Am Parkplatz gibt es neuerdings einen Container der einen Coffee-Shop beherbergt und der Gletscher selbst hat sich dramatisch weit zurückgezogen so daß man eine kleine Wanderung zu ihm unternehmen muss.

Wir legen aber erstmal eine Kaffeepause ein um unser Erlebnis vom Flugzeugwrack zu verdauen und hoffen, daß der Rückzug des Gletschers nicht am schlechten Kaffee hier liegt.
Entwarnung – der Kaffee ist ok aber ihn zu bekommen dauert fast länger als die Geburt des Gletschers der da draußen vor sich hinfriert.

Irgendwann haben wir doch ein paar Schlucke Koffein erwischt und laufen los Richtung Gletscherzunge, die nach 15 Minuten erreicht ist. Hier werden ständig Gletscherbegehungen mit Touristen veranstaltet – auch jetzt kommt gerade eine große Gruppe Eiswanderer zurück.

Der Himmel scheint sein Wasser für den Moment ausgekippt zu haben – der Wetterbericht hatte recht – es ist trocken.

Weiter geht es zu einem der sicher schönsten und beeindruckendsten Wasserfälle Islands – dem Skogafoss.

Immer wieder ein herrlicher Anblick wie seine Wassermassen 60 Meter donnernd in die Tiefe stürzen.


In Skogar gibt es nicht nur den großen Skogafoss sondern auch ein Heimatmuseum mit Grassodenhäusern.

Da wir auf dem Weg nach Dyrholaey am Zimmer vorbeikommen entscheiden wir uns für einen kurzen Abstecher dorthin um etwas Essen für den Abend vorzubereiten.

Endlich gibt's auch mal ein Bild unserer todschicken Kühltasche die wir für eine paar isländische Kronen in einem Supermarkt in der Nähe von Reykjavik erstanden haben.
Hat uns auch niemand geklaut.

Das mit der Vorbereitung für das Abendessen ist eine ziemlich schlechte Idee – denn eine kanadisch-schwedische Großfamilie hat sich in der Küche ausgebreitet und so ziemlich alles beschlagnahmt was an Gerätschaften und Herdplatten vorhanden ist.
Die Kinder turnen durch die Gänge, das Klo ist dauerbesetzt – und eine Stunde lang warten wir darauf in der Küche Hand anzulegen – es scheint heute einfach nicht unser Tag.
Da Sigrun wie die meisten isländischen Übernachtungsmöglichkeiten WiFI anbieten kann, buchen wir für übermorgen noch die Lundi Tour bei Ingolfhöfdi vor, da die Touren an dem Tag schon fast ausgebucht sind.
Dann bin ich neugierig ob sich der Fotoapparat wieder zum Leben zu erwecken lässt. An einem Tag wo es so läuft wie an diesem ja eigentlich keine gute Idee.
Ein frischer nicht getaufter Akku eingelegt und den Einschaltknopf gedrückt liefert ein zischendes Geräusch und ein paar Funken die aus dem Foto aufsteigen als wenn er sich in eine Wunderkerze verwandelt hätte.
Ok ok ok – der hat es hinter sich.

Wir aber noch nicht, denn nach dem Essen (durch die Warterei ist es schon so spät daß wir gleich essen können) unseres Couscous-Salats, zu dem es Wiener Würstchen gibt ziehen wir noch ein letztes Mal los und fahren noch einmal nach Dyrholaey. Es ist etwa 22 Uhr als wir den unteren Parkplatz erreichen.

Der spätere Abend ist oft eine gute Zeit um Lundis zu sehen und tatsächlich – eine Handvoll unserer gefiederten Lieblinge läßt sich im Gras der Klippe blicken.

Na also – ein versöhnlicher Tagesabschluß der mit dem Blick auf die Reynisdrangar ...

... in der Ferne aber noch nicht ganz endet.

Wir fahren auch noch die kurze Strecke noch einmal zum schwarzen Strand an den Reynisdrangar ...

... und machen jetzt wo wir dort alleine sind in Ruhe noch ein paar Aufnahmen.


Morgen hoffen wir auf deutlich besseres Wetter und einen irgendwie gelungeneren Tag.
Wie es tatsächlich wird weiß man in Island nie.
Ganz egal - wir lieben dieses Land.
Übernachtung: Eystri Solheimar, bei Vik
Bild des Tages:
Ein Stop am Skogafoss gehört bei jeder Islandreise dazu.