SA, 19.10.: Sightseeing JaisalmerIch habe Order um 9 Uhr loszugehen. Erst soll ich das Fort besichtigen, dann die Innenstadt. Das Frühstück hier im Hotel ist nicht so berühmt, aber ausreichend. Vor allem kann ich es wieder auf dem Dach zu mir nehmen. Um mich herum auf den Dächern der etwas niedrigeren Häuser liegen Decken und Matten, auf denen die Leute geschlafen haben. Ein Kellner ist zum Scherzen aufgelegt, ein netter Kerl, während die spanische Dame am Nebentisch das wohl eher nicht denkt. Sie kommandiert ihn herum, er versteht manchmal (absichtlich?) nicht, was sie will. Mir hingegen bringt er unaufgefordert die zweite Tasse Kaffee. Ich denke, das könnte sie auch alles einfacher haben.
Leise Musik begleitet das Frühstück. "Om namah Shivaya", ein Mantra, wird abgespielt. Erst zurück in Deutschland verrät mir google, dass das die Anrufung des Liebevollen und Gütigen sei, dass es grob übersetzt bedeutet "ich grüße das Gute, das Liebe in dir." Aber es passt zu 100 Prozent zu meiner Stimmung oder erwirkt sie sogar.
Gehe gelassen und aufgeschlossen an das Land heran, nimm großmütig zur Kenntnis, dass du manchmal charmant übers Ohr gehauen wirst und das Land wird dir genau das widerspiegeln und wiedergeben, was du in ihm Positives sehen willst. Willst du das Land verdammen, dann tu es halt, dass das Land dir dann auch weniger geben wird, hast du dir selbst zuzuschreiben. Mir ist ein bisschen zum Heulen. Trotz der entspannten Reiseart mit individuellem Rundumschutz sind es eben viele Eindrücke, und die Erkenntnis, dass ich mich hier gerade in ein Land, fast einen Kontinent, verliebe, haut mich um.
Um 9 Uhr empfängt mich Anil vor dem Hotel, er will mir nur kurz den ohnehin nicht zu verfehlenden Weg beschreiben. Die unvermeidlichen Guides lasse ich gekonnt hinter mir. Auf einen heiligen Mann falle ich mal wieder herein. Er bindet mir das x-te rote Bändchen um das Handgelenk und will viel Geld dafür. Ich sage ihm, dass ich genug Glück habe, er möge doch dann bitte seinen Beitrag zu meinem Glück wieder abnehmen, und ich einige mich mit ihm auf einen deutlich geringeren Preis für mein Glück.
Im Fort sind jede Menge Läden, jede Menge in den goldenen Sandstein gehauene Verzierungen zu sehen, jede Menge bunte Menschen unterwegs. Und das Beste: Die Touris fallen erst nach 10 Uhr in Horden ein.
In einem Laden sehe ich mir Tücher an. Der Verkäufer nimmt mein an die Tasche gebundenes Tuch in Augenschein. Tja, Seide sei das schon, aber gaaaanz mindere Qualität, gaaaaanz schlechte Ware - und vor meinen Augen breiten sich buntenTücher aus Seide und Kaschmir aus. Mir sticht nichts ins Auge. Ohnehin habe ich keine Ahnung, wie Kaschmir sich anfühlen muss, wenn es echt ist, ich kaufe nichts.
Ein paar Kleinigkeiten wechseln dennoch den Besitzer, auch später in der Altstadt von Jaisalmer.











Hier finden eigentlich weniger die anzusehenden Havelis meine Aufmerksamkeit als vielmehr Straßenszenen. Ich juxe mit kleinen Kindern herum, die gerne fotografiert werden wollen.





Gegen Mittag wird es heiß, ich habe mich verlaufen, aber mit dem Fort als Orientierung finde ich in dieser kleinen Stadt schnell wieder ins Hotel.
Es schließen sich 1 bis 2 Stunden am Pool an. Herrlich in der Sonne zu liegen. Am Pool drei Deutsche, junge Männer, die zwei Monate in Indien bleiben und sich auch über den Fruit Lassi auf ihrer Rechnung erst wundern und dann amüsieren. Wir tauschen uns ein bisschen über Erfahrungen aus, es ist lustig. Auch ihr Fahrer sorgt gut für sie, all inclusive. Ich frage, ob das bedeute, dass er ihnen Mädels vorstellen will, um es mal vornehm auszudrücken. Ja, ich habe richtig geraten. Was das Programm sonst noch einschließen könnte, frage ich lieber gar nicht erst.
Ich ziehe mich schnell wüstentauglich an und gehe um 14.30 Uhr zum Auto. Wir fahren etwa 50 Kilometer weiter in die Wüste, wo mich Kamelritt und anschließender Tourinepp erwarten.
Nicht zu fassen, wie andere Touris mit ihren Fahrern umgehen. Eine ältere Frau wiederholt etwa 10mal "my hat" und "car", bis ihr Fahrer, der offenbar recht gut englisch versteht, ihr ihn holt und ihr mit etwas süffisantem Grinsen direkt auf den Kopf setzt, was sie ohne ihn anzusehen mit einem genuschelten Dank quittiert. Kann sie nicht in freundlichem Ton und ganzen Sätzen darum bitten, dass ihr oller Hut ihr geholt wird?
Der Kamelritt auf Lalou in Begleitung seines stolzen Besitzers Devi Singh ist schön. Ich reite als erste los, die anderen der Gruppe folgen erst einige Minuten später, sodass ich das Klingen der Glocke um Lalous Hals, das Knirschen des Sattels und das Stampfen und Schnauben des Tieres genießen kann. Lalou war ein bisschen krank, teilt Devi Singh mit und muss nun Medikamente gespritzt bekommen. Er muss viel fressen, hat viel Wasser verloren.









Wir halten auf der Düne, die anderen Kamele halten ein ganzes Stück hinter uns, zum Glück. Doch ein Teil der Gruppe kommt auf "meine" Düne zu Fuß. Devi Singh bietet an, dass wir ein bisschen weiter weg gehen und wir sind wieder allein. Ich liege und sitze im weichen und schnell abkühlenden Sand. Er ist Analphabet, aber spricht wirklich gutes Englisch. Touristen lässt er auf seinem Kamel schon seit 30 Jahren durch die Wüste reiten. Er hat vier Kinder im Alter von 3 bis 10 Jahren, die es einmal besser haben sollen als er und die gerne zur Schule gehen. Ob die Geschichte stimmt, keine Ahnung, denn er wirkt eher wie der Großvater von vier Kindern im genannten Alter. Vielleicht erzählt er sie schon exakt so, seit er vor 30 Jahren angefangen hat Kamele mit Touristen drauf zu den Dünen und weiter in die Wüste hinein zu führen. Er wirkt sanft, freundlich, in sich ruhend, zufrieden.
Wäre Devi Singh vielleicht auch mal ein Ziel für die ungezogenen Sprösslinge bei "die strengsten Eltern der Welt"? Dagegen spricht, dass die Idylle unterbrochen wird vom Klingeln seines Handys. Also doch noch Zivilisation, die Dünen nahe der pakistanischen Grenze.
Auf dem Rückweg während des Dunkelwerdens breite ich die Arme in der sanften Luft aus. Ist doch egal, dass das hier vielleicht nur eine Illusion ist. Die Ruhe in den Dünen war jedenfalls wieder eine Erfahrung, die ich in Indien nicht erwartet hätte.
Es folgt leider ein unsägliches Musik- und Tanzprogramm, das offenbar alle Anwesenden langweilt. Höhepunkt ist, dass alle Anwesenden sehr uncharmant zum Mittanzen aufgefordert werden. Ich bin etwas genervt, meine Ablehnung wird nicht akzeptiert. Die stark geschminkte Tänzerin sagt, besser gesagt sie schreit, mit bösem Gesicht immer wieder "please!". Ich gewinne trotzdem. Fast die Hälfte der Gruppe widersetzt sich erfolgreich. Auch das anschließende Essen ist eher mittelprächtig.