12. Tag, Montag, 15.6.2009 Wir Deutschen im Ausland – nicht jeder ist zum Botschafter geboren – aber manchem unserer Landsleute möchte man am liebsten Ausreiseverbot geben. Als Petra diesen Morgen vom Duschen ins Zimmer zurückkommt, bekomme ich zu hören, dass die Deutschen von nebenan – die uns gestern mit ihrem Lärmpegel schon leicht genervt hatten die versch…. Windeln ihres Stammhalters sowie diverse Essensreste einfach neben dem Mülleimer platziert haben – Sauerei.
Gegen 9.30 Uhr ertönt wieder das inzwischen schon liebgewonnene Rattern unseres Lada Niva und wir fahren auf der 85 die kurze Strecke zurück nach Ásbyrgi.
Das Wetter ist heute zweigeteilt. Richtung Osten wird es zunehmend schlechter – im Westen lockt dafür strahlend blauer Himmel. Im Besucherzentrum in Ásbyrgi erkundigen wir uns nochmals nach der F862 (leider immer noch zu) und fragen wegen einem Foto an der Wand das einen Vogelfelsen mit unseren geliebten Lundis zeigt den wir noch nicht kennen. Der Felsen ist leider weit entfernt im Nordosten – aber die Rangerin erklärt uns wie wir hier in der Nähe auf dem Weg nach Husavik mit etwas Glück Lundis an einer Steilküste unweit der Straße sehen könnten. Es ist mal wieder an der Zeit das angedachte Programm zu kippen.
Die Wanderung hier in Ásbyrgi streichen wir – da es Richtung Westen – also Richtung Husavik sehr sonnig aussieht und wir uns vorgenommen hatten bei gutem Wetter in Husavik eine Walbeobachtungstour mitzumachen. Das ist unsere Chance – die wir nutzen wollen. Wir rufen in Husavik bei Gentle Giants an und reservieren uns 2 Plätze für die Mittagstour. Im Shop neben dem Besucherzentrum verbessern wir noch unsere Getränke- und Imbisssituation, dann geht es wieder auf der 85 nach Westen.
Die Stelle die uns die Rangerin genannt hat wollen wir schon mal kurz für den Abend „scouten“- wir fahren ja sowieso dran vorbei. Inzwischen sind wir der Ansicht, daß man die Lundis am besten am Abend beobachten kann wenn sie ihre „Tagesschicht“ auf dem Meer hinter sich gebracht haben und das wäre das rechte Programm für den späteren Abend – Lundis gucken.
Gut 30 km von Ásbyrgi entfernt kommen wir an einem kleinen See vorbei. Die Straße führt nun leicht bergan. Rechts an der Küste kann man erahnen wie eine Klippe langsam nach oben wächst (wenn man es weiß) ohne den Hinweis der Rangerin wären wir hier achtlos vorbeigefahren. Etwa in Höhe einer Stelle die bei uns im Ferðakort Atlas mit Skeiðsöxl bezeichnet ist – liegt rechterhand ein unscheinbarer geteerter Parklatz – das muss die Stelle sein. Wir steigen aus und gehen wenige Schritte Richtung Klippe. Tatsächlich – zwar (noch) keine Lundis – aber eine imposante Felswand – wie mit dem Messer zum Meer abgeschnitten – und voller Vögel.

Wir folgen der 85 weiter nach Westen. Als wir die Spitze der Halbinsel Tjörnes umrunden öffnet sich der Blick in die Skjálfandi – die riesige Bucht von Husavik.

Der Anblick ist so überwältigend dass ich vor lauter Begeisterung fast eine Vollbremsung hinlege. Besonders schön sind die vielen Lupinenfelder die wir schon an einigen anderen Orten auf Island bewundern konnten. Hier mit den schneebedeckten Bergen im Hintergrund die den Fjord malerisch einrahmen und der Sonne die auf dem Wasser glitzert, bietet sich eine fast unwirklich schöne Szenerie.

Kurz vor Husavik halten wir noch einmal an einem Picknickplatz und zücken unsere Kameraausrüstung. Mit jedem Kilometer Richtung der „Hauptstadt der Walbeobachtung Europas“ wie man Husavik nennt – wird der Blick auf Berge, Meer und Lupinen noch einmal schöner. Diese Kulisse erscheint uns auch als der ideale Ort für unser verspätetes Frühstück.

Kurz nach 11 Uhr erreichen wir Husavik – mit 2400 Einwohnern schon eine Stadt auf Island – die uns auf Anhieb sehr gut gefällt. Schmucke bunte Holzhäuser ....

.... und ein herrlicher Hafen wie aus dem Reisekatalog.
Wir machen einen kleinen Rundgang um den Hafenbereich, ärgern uns dass die Tickets die wir bei Gentle Giants abholen in Euro abgerechnet werden (was uns mit 94€ einen praktisch doppelten Preis abverlangt als ihn ein Isländer in Kronen zahlen würde), freuen uns aber trotzdem riesig auf die Tour – die uns bei strahlendem Sonnenschein und absolut ruhiger See in wenigen Minuten hinaus aufs Meer in die Bucht von Husavik führen wird.

Um 12 Uhr finden sich etwa 20 ausnahmslos Nicht-Isländische Touristen also Euro-Zahler (vorwiegend Deutsche und Franzosen) ....

... auf dem Bötchen „Sylvia“ ein.
Vor Fahrtantritt bekleiden wir uns gegen den kühlen Fahrtwind mit kostenlos bereitgestellten Overalls in denen man wie der große Bruder vom Michelin-Männchen aussieht ....

.... und zücken unsere Kameras – es kann losgehen.
Das Boot nimmt Fahrt auf. Unser Kapitän, die eine Hälfte der Zweimann-Besatzung, steuert hinaus aufs Meer.

Zur Ortung der Wale werden weder Ultraschall noch andere technische Hilfsmittel eingesetzt. Nur per Funk findet ein Informationsfluss über jede gesichtete Flosse unter den Skippern der Whale Watching Boote statt.

Die andere Hälfte der Zweimann-Besatzung ist eine junge Frau, die die Rolle des Tourguides und Walspähers übernimmt. Wir werden zunächst über den Fjord und seine Wale informiert und wir sehen Bilder von den am häufigsten vorkommenden Walen hier in der Bucht.
Dann steigt die junge Frau hinauf in den Ausguck. Alle blicken nun gebannt auf das ruhige Wasser. Sofort würde ein Schrei ertönen, sollte einer von uns auch nur das geringste Zeichen eines Fisches größer als eine Sardine in der Ferne entdecken.

Zu unserer Freude sehen wir einige Papageientaucher die längs des Bootes schwimmen.
Nirgendwo sonst, sagt man, ist die Trefferquote für Wale in Europa so hoch wie in Husavik. Die 2 Tourenveranstalter Gentle Giants und North Sailing werben mit einer 99-prozentigen Sichtungsquote und wenn tatsächlich mal nichts gesehen wird – gibt es eine Freifahrt.
Inzwischen sind wir schon weit über eine Stunde unterwegs ohne etwas entdeckt zu haben.
Sollte das heute nichts werden ?
Wo doch alles so gut passt. Wetter, ruhige See – für Beobachtungen optimale Bedingungen, wenn man denn etwas sieht …..
Da plötzlich kommt Erregung in die mit Kameras bewaffneten Michelinmännchen. In der Ferne hat unsere Späherin kurzzeitig eine Wasserfontäne ausmachen können – auf 3 Uhr bläst ein Wal !
Käpt’n, Boot und Touristenmannschaft halten darauf zu.
Auf dem Boot entsteht Unruhe – jeder versucht sich die besten Plätze zu sichern.
Meine Standfestigkeit auf dem schaukelnden Ding ist noch nicht die Beste, mein Eifer aber mal wieder grenzenlos – und plumps – plötzlich liege ich auf den Schiffsplanken. Vor lauter Hektik den besten Platz zu erwischen bin ich auf den Hosenboden gefallen.
Weh getan habe ich mir nicht – aber ich muss über mich selber lächeln – so lange ich vor lauter Begeisterung auch immer noch gelegentlich den Boden unter den Füßen verliere ist alles ok ……
Wir nähern uns der Stelle an der unser Captain Ahab (der aber noch beide Beine hat – also noch keiner von einem enttäuschten Touristen abgebissen

) den Wal vermutet. Das Boot kommt zum Stillstand. Wir treiben lautlos auf dem Wasser – alle halten gespannt den Atem an – zeigt sich ein Wal und wenn dann wo ….?
So vergehen einige Minuten angespannter Mischung aus Vorfreude, Spannung, Neugier und Angst, der Wal könnte das Weite gesucht haben.

Unvermittelt in der Ferne ein gutes Stück weiter wieder die Wasserfontäne – da bläst er – wir können ihn mit eigenen Augen erkennen – ein elektrisierender Moment.
Unsere Späherin überschlägt sich fast in der Stimme – ein Blauwal – wir haben einen Blauwal gesichtet – das größte Lebewesen der Erde !
So eine Sichtung ist etwas so Außergewöhnliches, dass der Blauwal gar nicht bei den Walen dabei war, die uns am Anfang der Tour als mögliche „Beute“ gezeigt wurden. Das hat auch seinen Grund. Der Blauwal gilt als Hochseebewohner der äußerst selten in Küstennähe kommt.
Wir halten auf die Stelle zu an der „unser Wal" zuletzt aufgetaucht war.

Ich bin inzwischen auf die Aussichtsplattform, ein Türmchen oberhalb der „Steuerzentrale“ unseres Kapitäns, hinaufgestiegen. Eine "taktische Meisterleistung". Hier habe ich nicht nur die beste Übersicht nach allen Seiten, muss mich nicht mit anderen um den besten Platz schlagen und kann mich an einem Pfosten beim Filmen gegen das Schaukeln festhalten.

Da taucht Moby Dick wieder auf. Wow !!!
Was für ein unglaublich großes Tier.

Wir umkreisen ihn eine zeitlang und er zeigt sich im Abstand von 5-10 Minuten immer mal für einige Sekunden mit seinem mächtigen Körper an der Oberfläche.
Wir kehren wieder um – die Jagd nach dem Wal hat uns doch ein gutes Stück Richtung offenes Meer getragen und die Tour dauert ja nur 3 Stunden.
Wir sind etwa 30 Minuten unterwegs da ertönt wiederum der Ruf dass ein Wal gesehen wurde – und wieder ….. ist es ein Blauwal. Auch diesmal können wir ihn in der Ferne blasen sehen … fast unwirklich ..... absolut faszinierend …

Wir nähern uns auch diesem Wal und haben noch einmal die Gelegenheit so ein phantastisches Tier aus der Nähe zu beobachten. Einmal bekommen wir sogar seine Finne gezeigt was zu großen Begeisterungsstürmen auf dem Boot führt.
Die Kameras klicken im Chor.

Zufrieden kehren wir wieder in den Hafen zurück. Wir haben nicht nur Wale, sondern die größten Lebewesen unseres Planeten gesehen.
Mit bis zu 33,5 m und 200 Tonnen ist der Blauwal das größte Tier das jemals auf unserer Erde gelebt hat !
Allein das Herz so eines „Fischleins“ wiegt 600 bis 1000 Kilogramm. Was für ein unglaubliches Glück gerade so ein Tier gesehen zu haben !
Die Tour hat in jedem Fall großen Spaß gemacht und war ihr Geld wert.
Zurück am Parkplatz in Husavik – ist es erst mal wieder Zeit für ein paar Häppchen und einen Schluck zum Runterspülen. Wir machen noch ein paar Aufnahmen im Ort, sehen kurz in das Besucherzentrum und kümmern uns dann um eine Übernachtung.
Gleich der erste Versuch ist erfolgreich. Bei einer älteren Dame die wohl wieder das ehemalige Kinderzimmer an Gäste vermietet kommen wir günstig mit unseren Schlafsäcken unter.

Hinter Husavik erhebt sich ein Berg der sehr schön mit Lupinen bewachsen ist.
Wir suchen und finden eine Piste die ein Stück zu ihm hinaufführt und haben einen tollen Blick über die Stadt und den Fjord.

Auf dem Weg zur Mini-Bar

Da es erst 17 Uhr und fürs Abendessen noch etwas früh ist, werfen wir einen Blick in unseren Road Atlas – was denn in der Gegend noch für 1-2 Stunden interessant sein könnte. Ich schlage eine Piste zum Meer etwas westlich der Stadt vor, die wir auch in Angriff nehmen.

Wir fahren an einigen völlig entgeisterten Schafen vorbei.

Schafe, die einen so anglotzen wirken ja meist ziemlich bescheuert. In diesem Fall dürfte das auf Gegenseitigkeit beruhen. Wohl noch kein Tourist ist diese Strecke gefahren die an einem Erdhaufen an dem der Bauer Torf gestochen hat unvermittelt endet.
Ich verpflichte Petra davon ein Bild zu machen was mir die entsprechenden Kommentare einbringt und wir kehren unverrichteter Dinge wieder um. Ein Satz mit X ..... aber nicht dramatisch – der Tag ist ja noch lange nicht beendet.

Zunächst fahren wir zurück aufs Zimmer machen uns noch einen Kaffee mit unserem Wasserkocher und hängen eine halbe Stunde ab was ja eher selten vorkommt.

Danach geht es hinunter zum Hafen. Dort hatten wir schon nach unserer Waltour das Gamli Restaurant ausgeguckt, das nicht nur von außen toll aussieht sondern auch innen eine urgemütliche Atmosphäre besitzt und richtig gutes Essen serviert.
Wir gönnen uns Kabeljau mit Salsa, Salat & Kartoffelgratin, sowie einen gegrillten Arctic Char (Saibling) auf Salat mit Knoblauchsoße und Ofenkartoffel. Klingt gut – ist es auch !
Das Ganze kostet uns dank aktuell super Kurs der Krone gegenüber dem Euro 25 € - ich denke da kann man nicht meckern – allerdings haben wir auf die Bierchen im Lokal lieber verzichtet – die gibt’s später auf dem Zimmer billiger und wir haben ja auch noch etwas vor.....
Trinkgeld ist in Island im übrigen ja unüblich – egal wo, weder im Restaurant noch anderswo.

Gestärkt knattern wir los, mal wieder auf der 85 – wohl inzwischen unsere Hausstrecke Richtung Osten zu den Lundiklippen. Wie so oft in Island – obwohl man an einer Stelle schon war, sieht sie beim nächsten Mal oft ganz anders aus. Die Sonne steht nun tief. Eine tolle, wenn auch bedrohliche Licht- und Wolkenstimmung.

Die Sonnenstrahlen brechen durch einige Wolken wie ein Spot auf das Meer und im Vordergrund heben sich einige Schafe unwirklich gegen das Licht ab da muss man einfach halten.

Es ist nun fast 20 Uhr als wir die Stelle, die wir als Tipp von der Rangerin erhalten hatten, erreichen.
Voller Vorfreude nähern wir uns der Klippe – aber leider – zwar viele Möwen und andere Vögel aber keine Lundis.

Ein Blick auf das Meer unter uns haut uns fast von den Socken. Myriaden von Lundis schwimmen im Wasser ...... aber keiner sitzt hier oben auf der Klippe ...... oooaaach ..........

So schnell geben wir natürlich nicht auf. Es gibt zwar keine Möglichkeit hinabzuklettern – aber die Klippe ist ja noch ein paar Kilometer lang – also stapfen wir mit unseren Kameras bewaffnet los.

Die Landschaft ist ein Traum. Zwei Wasserfälle stürzen direkt hinab ins Meer ....

.... der Blick schweift weit über die Bucht des Öxarfjöður.
Einmal können wir sogar zwei Delfine im Meer springen sehen – und immer wieder zahllose Lundis unterhalb der Klippe im Meer. Aber das Laufen ist durch das tiefe Moos anstrengend und wir sind nun sicher fast 2 Stunden hier unterwegs.
Wir kehren zum Auto zurück und fahren drei Kilometer weiter nach Süden. Von hier schwärmen wir noch einmal aus und laufen einen Hang hinab zur Klippe die hier deutlich weiter von der Straße entfernt ist. Nach einer weiteren kräftezehrenden halben Stunde über Moosbüschel und zerfurchte Wiesen kehren wir zunächst zum Auto und dann zum ersten Parkplatz zurück – keine Lundis......

Wir gehen noch einmal zu der Stelle an der wir vor fast drei Stunden schon waren.

Tatsächlich können wir weiter unten im Grashang der Klippe endlich Lundis sehen.
Allerdings für gute Bilder zu weit entfernt. Immerhin schön, dass wir wenigstens noch einige unserer Lieblinge etwas näher als nur auf dem Wasser sehen konnten.

Gegen 23 Uhr treten wir den Rückweg an. Es ist zwar immer noch Tageslicht vorhanden, wenn auch die Sonne nun schon tief steht.

Kurz vor Husavik sehen wir sogar noch einen stimmungsvollen Sonnenuntergang.
Wieder mal ein toller ... nein ein phantastischer Tag !
Auf der Rückfahrt überlegen wir wie wir den morgigen Tag gestalten und entscheiden uns für zwei besonders schöne Wasserfälle bevor wir dann in die Hauptstadt des Nordens - Akureyri einfallen wollen. Mal sehen ob das dann auch so kommt .....
Übernachtung: Emhild K.Olsen – Guesthouse
Preis: 5000 ISK (29 €) ohne Frühstück, mit Schlafsack, Bad & WC auf dem Gang
Bewertung: 6,5 von 10
Kommentar: Sehr nette Leute, witzig mitten in der Wohnung der alten Leutchen zu schlafen, Zimmer schon in die Jahre gekommen und nicht riesig, auch das Bad hat schon bessere Tage gesehen, Preis/Leistung aber gut.
Bild des Tages:

Lupinen - ein ständiger Begleiter in Islands Frühsommer, wie hier auf dem Hausberg von Husavik