4. Tag Sonntag, 7.6.2009Heute morgen haben wir ein kleines Duschproblem.
Nein wir sind über Nacht nicht wasserscheu geworden und die Dusche führt sowohl kaltes als auch warmes Wasser – wahrscheinlich – genau können wir das leider noch nicht sagen denn eine Amerikanerin verteidigt seit über einer halben Stunde das einzige Bad wie eine Festung. Auch mehrfaches Klopfen bleibt ergebnislos.
Vielleicht hätte ich mal mit einer Tütensuppe drohen sollen .....
Irgendwann ist dann auch die letzte Wange gepudert und wir können den Tag beginnen. Das gebotene Frühstück im Hostel kann man bestenfalls als durchschnittlich bezeichnen. Dagegen ist die „Frühstücksbeauftragte“ wieder richtig nett und zeigt uns auf ihrem PC wie das Wetter in den nächsten Tagen wird.
Eigentlich in alle Richtungen schlecht – vor allem für die Halbinsel Snæfellsness die wir routentechnisch als nächstes machen wollten sieht es im wahrsten Sinne des Wortes düster aus.
Einzig in den Westfjorden soll es auch mal Sonne geben. Die hatten wir nun nicht unbedingt auf der Rechnung. Am Anfang ja – dann aus Zeitgründen verworfen – dann wieder damit geliebäugelt ......
In Látrabjarg (Latraberg) hat man weltweit wahrscheinlich die besten Aussichten Papageitaucher (Lundis) aus der Nähe zu beobachten.
Allerdings liegt das am westlichen Ende von Island und damit auch am westlichen Ende Europas – ein ganz schöner Ritt ...... erschwerend dazu kommt, dass die Fähre die diese Strecke von Snæfellsness in die Westfjorde spürbar abkürzen würde ausgerechnet heute wegen eines Feiertags nicht fährt und morgen in beide Richtungen ausgebucht ist ........ aber wir entscheiden uns trotzdem für die Westfjorde – das Einsamste was man in Island haben kann.
Wir beeilen uns beim Beladen unseres Lada – wenn wir heute noch bis Látrabjarg kommen wollen dürfen wir nun keine Zeit mehr verlieren.

Um halb 10 verlassen wir Borgarnes zunächst ein kurzes Stück auf der Ringstraße und dann auf der geteerten 60 nach Norden.
Nach einer guten Stunde Fahrt wird die Landschaft attraktiver, wir fahren über einige kleine Pässe - Wasserfälle, Schneefelder und grüne Berghänge bestimmen das Bild.

Ansiedlungen oder gar Menschen sehen wir kaum. Die 60 führt nun im Bogen nach Westen in die Westfjorde. Gravelpisten wechseln sich mit geteerten Abschnitten ab.

Meist unten um den Fjord geteert - wenn es oben auf den Berg führt - ungeteert und teilweise auch elend schlecht zu befahren .....

..... landschaftlich aber oft sehr reizvoll.

Nach vielen Kehren um Fjorde und völlig einsamen Landstrichen erreichen wir gegen 13 Uhr Flokalundur und tanken dort. Außer einer Zapfsäule und einem kleinen Shop mit Imbiß gibt es in diesem „Ort“ nichts.
Als Abstecher gibt es von hier die Möglichkeit zum höchsten Wasserfall der Westfjorde, dem Dynjandi zu fahren – aber da das mit Besichtigung sicher 2-3 Stunden dauern würde – verschieben wir das erstmal auf morgen.
Wir folgen der 62 weiter nach Westen, kommen nach wenigen Minuten an Brjanslækur vorbei – dem Anlegehafen der Fähre die von Snæfellsness kommt aber heute ja nicht fährt. Wüsste man nicht, dass dies ein Fährhafen ist – man würde glatt dran vorbeirauschen.

Noch einige Kilometer weiter folgt eine herrliche Szenerie aus muschelübersätem goldgelbem Strand mit dem Panaroma der Berge am Horizont die sich über den Fjorden erheben – stark !

Auch der Blick in die andere Richtung lohnt sich.

Meine beiden "Mitreisenden" warten, dass ich endlich wieder einsteige.

Die 62 verlässt die Küste und quert ein Stück über das Landesinnere bis wir den Fjord Patreksfjörður erreichen.
Dort rostet auch ein Wrack vor sich hin.

Hier ist nicht gerade Stoßverkehr - also wird man schon mal argwöhnisch beäugt.
Jetzt wird es wieder holprig, das letzte Teilstück über die 612 ist der „Plombenzieher“ der Strecke – als wenn das Ganze nicht schon anstrengend genug wäre (wenn auch wirklich schön) gibt’s jetzt noch diese Schüttelpiste hintendrauf .... man muss sich Látrabjarg schon verdienen .....
An der Piste gibt es einen Miniort (2-3 Höfe) und ein Flugzeugmuseum. Man fragt sich mit welchen Kunden rechnet der Museumsbetreiber hier am Ende der Welt ?

Gegen 16 Uhr erreichen wir Breiðavik. Die Straße windet sich über einen Berg hinab und wir sehen unter uns auf das Panorama der Bucht, eingerahmt von Bergen und dem gelbcremigen Sandstrand – ich hatte zwar vorher gelesen dass es hier unglaublich schön sein soll – aber das war wirklich noch stark untertrieben.
Am Strand gibt es eine Kirche und man kann in einem Guesthouse entweder in sehr einfachen und günstigen oder in teuren Zimmern mit Meerblick übernachten.

Wir wählen erstere Variante – was sich nicht nur bezüglich unseres Geldbeutels als Glücksfall erweisen sollte (dazu später mehr ). Das Zimmer ist noch mal einen Tick rudimentärer als gestern (was wir uns noch vor Stunden nicht hätte vorstellen können) ....

..... winzig klein und mit einem Stockbett (!) versehen.
Petra zieht freiwillig nach oben ermahnt mich aber schon mal vorsorglich dass ich sie nicht von unten ärgern darf, schaun wir mal ....

Länger als für das Abladen der Koffer halten wir uns nicht in unserem neuen Palast auf – wir sind riesig gespannt und voller Vorfreude auf Látrabjarg und seine Lundis – hoffentlich sind welche da !!!!!!
Zu Hause haben wir uns mit dem Thema Lundis derart hochgeschaukelt dass wir nun wirklich „heiß“ auf Látrabjarg sind. Nirgendwo sonst ist die Möglichkeit Papageientaucher zu sehen so gut wie hier am Ende Europas an diesem einsamen, menschenleeren Kap. Wir folgen der Piste weiter, die sich aus der Bucht sanft nach oben windet. 15 Minuten später ist der kleine Parkplatz am Leuchtturm – das „Lundimekka“ - erreicht.
Irgendwo hatten wir gelesen, dass zur Hochsaison sogar schon Papageitaucher am Parkplatz zu finden sein würden – aber zumindest davon ist nichts zu sehen. Schon nach wenigen Metern erreichen wir den Beginn der steil abfallenden Klippe.

Látrabjarg und seine bis zu 450 m hohen Klippen ist etwa 14 km lang und gilt als einer der größten Vogelfelsen der Welt. Vom kleinen Parkplatz folgen wir einem Schafspfad hinauf bis zur ersten Klippe.


Die Klippe ist bis hinunter zum Meer übersät mit Möwen, Tordalken und Lummen. Allerdings keine Lundis. Schon klar – zu einfach sollen wir es ja nicht haben.

Hier geht's zu wie bei ALDI an der Kasse.

Wir wandern weiter .....

...... immer im Bereich der Klippe an der ein Schafspfad entlang führt.

Das Wetter hat wie versprochen inzwischen völlig aufgerissen, wir laufen in strahlendem Sonnenschein und blicken immer wieder hinab auf bizarr geformte Vogelfelsen, Klippen und das tiefblaue Meer.

Kilometer für Kilometer spulen wir herunter – während die Klippen immer höher werden.

Wo sind die Lundis ?
Nach etwa 5-6 km sind wir auf einer der höchsten Klippen angelangt und beschließen umzukehren.
Lundis haben wir keine zu Gesicht bekommen. Papageitaucher (Fratercula arctica) die Erdhöhlen an oder auf Klippen (eben meist in den höheren Etagen im Sommer zur Brut) aufsuchen zeigen sich nicht. Vielleicht ist es noch zu früh im Jahr.
Zur Info:
http://de.wikipedia.org/wiki/PapageitaucherSchade – auch wenn es toll hier ist – so gerne hätten wir Lundis gesehen und wenn es schon hier keine gibt, sinken die Chancen überhaupt welche zu Gesicht zu bekommen.

Auf dem Rückweg treffen wir zwei Männer – einen Deutschen der mit einem Amerikaner unterwegs ist. Als sie uns von einem Lundi erzählen den sie unterwegs gesehen haben – ist die Trauer verflogen, neue Zuversicht macht sich breit – vielleicht wird’s ja doch noch was.
Wir folgen den beiden Männern an den Rand der Klippe – und tatsächlich ......

..... wenige Meter unterhalb auf einem Erdvorsprung thront ein Lundi und hält sein rotes Schnäbelchen in die Sonne.

Isser nicht süß ?

Nie wird dieser kleine Vogel erfahren welche Begeisterung er bei zwei Touris aus Deutschland ausgelöst hat.
Zufrieden laufen wir zurück zum Parkplatz – wenigstens einer !

Vorne an der ersten Klippe äugen wir auch noch einmal den Bereich der obersten Erdhöhlen ab – dabei muss man schon ein bisschen vorsichtig sein – die Vögel graben teils meterlange Höhlen in die überhängenden Klippen die schon mal wegbrechen .....

Uns trifft fast der Schlag – plötzlich sind auch hier Lundis ....

.... und nicht nur einer.

Die schon eingepackte Foto und Filmausrüstung wird zu Tage gefördert.

Jetzt sind wir richtig glücklich – es ist herrlich die Lundis bei ihren Bewegungen, die immer ein wenig drollig und ungelenk aussehen, zu beobachten.

In Hochstimmung fahren wir den Katzensprung zurück zu unserem Zimmer nach Breiðavik.
Auch hier gibt es wieder eine Küche die wir nutzen können – auch wenn man das heute kaum kochen nennen kann. Im Guesthouse gibt es ein Menü das uns nicht begeistern kann. Da heute Sonntag ist und wir sowieso übereilt aus Borgarnes aufgebrochen waren haben wir uns nichts zum Essen eingekauft – also noch mal ein „leckeres Tütensüppchen“ – vielleicht mal eine Buchstabensuppe ?
Leider keine isländische sondern aus Deutschland mitgebracht – die
isländischen Buchstaben sind ja auch etwas gewöhnungsbedürftig.
Wir bleiben flüssig und steigen nahtlos auf Bier um. Beim Blick aus unserem Guckloch auf dem Zimmer stellt sich der nächste glückliche Umstand dieses Tages ein.
Nur aus diesem Zimmer kann man sehen – dass wir an unserem Lada das Licht angelassen haben (wie bereits erwähnt – dafür gibt es weder eine Anzeige noch ein Tonsignal – nur einen Schalter). Ich haste sofort hinaus, schalte das Licht aus und starte den Wagen – Glück gehabt er springt an !
Auf den Schreck trinken wir noch ein Bier und da es „erst“ kurz nach 9 ist machen wir noch einen abendlichen Strandspaziergang.

Auch Island hat seinen Racetrack

Wundervoll wie die Sonne auf das Meer ...

.... und diesen außergewöhnlichen, schönen Strand leuchtet.

Da kann man sich schon mal ins Zeug (oder den Sand) legen und wehe es ist dann niemand da der einem im Alter aufhilft.
Gegen 22.30 Uhr sind wir wieder zurück im Zimmer, trinken noch ein Schlückchen und können kaum fassen was wir heute alles gesehen und erlebt haben – trotz sich inzwischen einstellender Müdigkeit kann man das Leuchten in Petras Augen nicht übersehen – ihre anfängliche Besorgnis nach der Ankunft in und um Reykjavik (tatsächlich nicht gerade als „Schaufenster“ für Island geeignet) ist wie weggewischt - meine Begeisterung über dieses Land in das ich „schon immer mal wollte“ ist jetzt schon fast grenzenlos – wir freuen uns auf alles was noch kommt – wir sind in Island angekommen !
Leider bin ich nun so müde, dass ich sofort einschlafe und nicht mal dazu komme, Petra im Stockbett über mir zu ärgern ........ schade eigentlich
Übernachtung: Breiðavik Hotel & Hostel
Preis: 5000 ISK (29 €) ohne Frühstück
Bewertung: 5 von 10
Kommentar: alle 5 Bewertungspunkte für die traumhafte Lage
Bild des Tages:

Angekommen in den Westfjorden - am Strand von Breiðavik