4.Tag, Dienstag 30.8.2011 Wir ziehen aus unserer kuscheligen Hütte aus und fahren nach Homer zum Herren der Reifen - Alyeska Tire.

Ein Déjà-vu, auf der letzten Reise in Nordamerika saß Petra ähnlich wartend in Cody als es darum ging einen platten Reifen zu ersetzen. Da in Homer die Reifengröße nicht verfügbar ist müssten wir uns mit dem Notrad nach Anchorage durchschlagen, wenn der Reifen nicht wieder geflickt werden kann – keine angenehme Vorstellung.

Jedenfalls ist ein Nagel schuld daran, daß wir bereits nach zwei Reisetagen wieder im Wartebereich eines Reifenservice sitzen. Da wir außer Warten ja nichts zu tun haben überlegen wir, wie es dazu kommen kann, daß man sich einen Nagel einfährt. Ist nachts das Reifenmonster unterwegs und streut Nägel aus oder woher kommen die Dinger auf die Straße …...?
Wir haben Glück im Unglück - der Mechaniker vom Dienst kann den Reifen flicken und versichert uns, daß er so gut wie neu wäre.
17 Dollar später sind wir wieder on the road nach Norden.
Am Ortsausgang gibt es zur Belohnung für unseren SUV frischen Sprit und für uns frischen (na ja ) Kaffee.
Das Wetter ist heute nicht ganz so überragend wie die letzten beiden Tage aber immerhin ist es trocken.
Heute Abend wollen wir uns mit
Andreas 
in Seward treffen – wir sind gespannt ob das klappt – und natürlich auch wie das wird – man kennt sich ja nur vom USA-Forum.
Wir unterhalten uns gerade angeregt über das gestrige Bear Watching und mein schlechtes Reifenkarma bis ich endlich die Lichtorgel im Rückspiegel entdecke – Shit – ein Alaska State Trooper.

Der Polizist kommt zu mir ans Fenster und informiert mich, daß ich 69 statt 55 Meilen gefahren wäre.
Hoppla!
Vor lauter Quatschen hatte ich nicht aufgepasst – normalerweise fahre ich schon mal 5 Meilen schneller als erlaubt, versuche mich da aber einzupendeln. Scheinbar glaubt er mir, daß es ein Versehen war, der deutsche Pass, die beste Unschuldsmiene, mein bambiverdächtiger Rehäuglein-Blick

und eben hauptsächlich das Glück daß man an einen netten Kerl gerät, verhelfen uns nur zu einer Verwarnung und dem zweiten blauen Auge dieser Reise nach dem Reifen.
Das kann natürlich auch anders ausgehen.
Er weist mich noch daraufhin, daß in einigen Meilen „Fines Double" gilt (also doppelte Strafe angekündigt wird) und wünscht uns noch einen schönen Tag – wir ihm natürlich auch.


Unser erster (unerzwungener) Halt ist heute im Städtchen Kenai – im Nordwesten der Halbinsel. Wir essen einen Happen an einem Aussichtspunkt aufs Meer und besehen uns die russisch-orthodoxe Kirche im Ort.

In Kenai ist die russische Vergangenheit auf Alaskas Festland noch am besten nachzuempfinden.

Weiter geht es auf der Alaska Route 1 – hier der Sterling Highway über Soldotna nach Osten.
Wer Interesse an Bärensichtungen hat (und wer hat das nicht?) wird bei eingehender Recherche in Verbindung mit der Kenai Peninsula (Halbinsel) immer wieder über den Namen Russian River stolpern.
Der Russian River, eigentlich nur ein 12 Meilen langer Nebenfluß des Kenai River in der Nähe von Cooper Landing, ist das Angler-Eldorado Alaskas und soll weltweit einer der (wenn nicht gar die Nummer 1 der) berühmtesten Lachsangelflüsse sein.
Es gibt Tage da stehen 1000 Angler in dem verhältnismäßig kurzen Fluß.
Wo es so viele Angler gibt – da gibt es viele Fische und wo es viele Fische gibt …... genau, da ist auch Meister Petz zur Stelle.
Wenn Salmon Run (also Lachswanderung) ist, versammeln sich auch die Bären entlang des Flusses. Natürlich auch die großen Braunbären die wir gestern auf dem Bear Watching sehen konnten.
Gerne würden wir unseren „eigenen" Bären sehen – ohne eine Latte Leute um uns herum und wie Tony so schön sagte – zur Zeit konzentrieren die sich ja nur auf die Lachse um sich ihren Winterspeck anzufressen.
Am Russian River kommen die Lachse im Juni, Juli und im August – also auch jetzt.
Wir zahlen stolze 11 $ Eintritt als Day Permit für den Besuch des als National Forest verwalteten Flussabschnittes.
Etwa 2 Meilen fährt man bis der erste von einigen großen Parkplätzen oberhalb des Flusses erreicht ist, wo wir unseren Wagen abstellen, unsere Kameraausrüstung schultern und eine Treppe etwa 10 m hinab zum Fluß gehen.

Ein Pfad (teilweise aus breiten Holzbohlen mit Aussichtsplattformen) ...

... führt am Fluß entlang.

Gleich unten angekommen bietet sich eine schier unglaubliche Szenerie. Tausende von Lachsen tummeln sich dichtgedrängt im Fluß ...



... und werden teilweise lebendig von Möwen angenagt und verspeist – ein unglaubliches Schauspiel.

Wir gehen auf den Holzbohlen flußabwärts und sehen schon nach 5 Minuten eine Bärenmutter mit 2 kleinen Cubs stehen die leider kurz darauf im Gebüsch verschwinden. Schade, daß wir die verpasst haben.
Mehr als ein verwackeltes Foto in letzter Sekunde ist nicht drin.
Jetzt sind wir natürlich erst recht scharf auf eine Bärensichtung !

Wir laufen etwa einen Kilometer weiter am Fluß entlang und drehen dann um. Immer wieder sehen wir Lachse. Lebendig, tot oder angefressen.

Auch in die andere Richtung gehen wir noch ein paar hundert Meter – aber ergebnislos – nochmal schade. An den vielen „Bärenhinterlassenschaften" auf dem Holzbohlenweg um die man fast Slalom laufen muss – können wir erahnen, daß es zur Zeit viele Bären hier geben muss.

Wir sehen immer mal wieder einige Angler im Fluß stehen und treffen u.a. auf eine Familie, die uns von einer Bärensichtung berichtet.

Immerhin - ist ja auch Wildlife.
Wir gehen zum Auto, fassen Getränke und einen Snack und überlegen ob wir den Trail zu den Russian River Falls der mit 2-3 Stunden angegeben ist schaffen können – was nach kurzer Überlegung heute aber keinen Sinn macht.
Also entscheiden wir uns nochmal hinab zum Fluß zu gehen. Vielleicht haben wir ja diesmal mehr Glück.
Wieder gehen wir zunächst ohne Erfolg einige Zeit lang flußabwärts und dann noch ein Stück in die andere Richtung flußaufwärts.

In diesem Teil des Flusses sind wir offensichtlich alleine – weit und breit niemand zu sehen – scheinbar.
Ich bleibe kurz für eine Filmaufnahme stehen und Petra läuft im Bundeswehrschritt alleine weiter. Ich will schon schimpfen, daß sie sich nicht so weit entfernen soll da sehe ich, daß sie stehen bleibt.
Na also.
Von wegen – sie geht vom Holzbohlenweg seitlich Richtung Fluß durchs hohe Gras um zu sehen ob irgendwo ein Bär im Fluß steht. Ich gehe zügig auf sie zu und sehe schon – oh oh – so schnell wie Petra gerade auf dem Absatz kehrt macht hat das einen Grund.

2 Sekunden später sehe ich den blondbraunen Riesen auf den sie fast drauf getreten wäre im Fluß nach Lachsen fischen.

Wir machen durch die Büsche ein paar Aufnahmen und entfernen uns vorsichtig flußabwärts Richtung Auto

Kaum 300 Meter gegangen – der nächste Bär im Fluß – noch größer und in herrlicher Fotoposition ohne verdeckende Büsche.
Wow!

Der Bär marschiert im Fluß flußabwärts und wir folgen ihm vorsichtig da wir zum einen gerne noch ein paar Aufnahmen machen wollen, das sowieso der Weg zum Auto ist und der andere Bär ja von hinten kommt.

Der Bär bleibt stehen und wir auch.

Wieder können wir Aufnahmen machen.

Der Bär schlendert gemächlich weiter flußabwärts ...

... und wir mit Abstand hinterher.

Inzwischen ist auch die erste Treppe erreicht (rechts neben Petra zu erkennen) die wir passieren um von „unserem Bären" Aufnahmen zu machen.
Hier machen wir einen folgenschweren Fehler.
Wir hätten die Treppe jetzt nehmen sollen.

Stattdessen folgen wir dem Bär noch einmal gut 50 Meter bis er wieder stehen bleibt.

Wir sind geschätzt knapp 15 Meter von ihm entfernt im Gebüsch neben dem Pfad.

Wunderbar dem Bär zuzusehen wie er einen Lachs vertilgt – Super!

Genug gesehen. Petra dreht sich um und auch ich mache mich fertig Richtung Auto zu gehen.
Da sehe ich aus dem Augenwinkel wie der Bär aus dem Fluß hinauf zum höher gelegenen Boardwalk rennt. Ich drehe mich vollends um und sehe, wie er auf den Holzbohlen geradewegs in vollem Tempo auf uns zuwalzt!
Wir hatten ja einiges über das Verhalten bei Bear Encounters (Bärenkonfrontationen) gelesen und gehört.
Mit dem Bär sprechen, sich groß machen, herausfinden ob es ein „defensiver" Bär mit einer Scheinattacke ist (dann ruhig stehen bleiben) oder wenn es ein „aggressiver" Bär ist sich auf den Boden werfen und den Kopf abdecken und erst um sich schlagen wenn der Bär mit dem Fleisch von den Beinen reißen gar nicht aufhören will.
Aber dieser Bär hält sich nicht mit Drohgebärden auf – er kommt einfach volle Kanne auf uns zu!
Deshalb ist mir alles was ich über Begegnungen mit Bären gehört habe in diesem Moment egal.
Ich entscheide innerhalb weniger Millisekunden und rufe zu Petra, die noch gar nichts mitbekommen hat,
die 4 „magischen" Worte:
„Scheiße, der kommt – renn".Wir rennen um unser Leben.
Ich hoffe, daß wir die Treppe erreichen, bevor der Bär uns erreicht.
Petra vorneweg und ich mit nach wie vor ausgefahrenem Stativ direkt hinter ihr her.
Wir sind schnell. Unsere lange Beine sind Gold wert.
Wir erreichen die Treppe vor dem Bären der schnaubend hinter uns folgt.
Die breite Treppe hat 2 Etagen wo es jeweils um die Kurve nach oben geht.
Petra stürzt auf der ersten Etage auf ihr Knie – eine weitere Schrecksekunde (als wenn es die noch bräuchte) aber ich sehe wie sie sich blitzschnell wieder aufrappelt in dem Moment wo ich sie erreiche.
Ich feuere sie mit einem weiteren „komm schneller" nochmals an.
Die Treppe hinauf im Mördertempo kostet enorme Kraft nach dem Carl-Lewis-Spurt in vollem Tempo den wir bereits hinter uns haben.
Wir sind fast oben als ich mich umdrehe.
Heilige Sch.... der Bär kommt auch noch die Treppe hoch.
„Weiter".
Wir erklimmen mit letzter Kraft die obersten Stufen – endlich sind wir oben.
Wir sehen uns um.
Das ist nicht unser Parkplatz.
Der Parkplatz hier ist völlig leer.
Die Treppe zu unserem Parkplatz wäre wohl erst gekommen wenn wir den Bären überholt hätten was wir auf keinen Fall wollten.
Was jetzt ?
Die einzige Zuflucht ist ein Klohäuschen am Waldrand.
Dorthin rennen wir mit letzter Kraft.
Petra zieht an der Tür – besetzt !
Ausgerechnet jetzt hält dort jemand seine Sitzung ab - das ist doch wie im schlechten Film.
Wir schleppen uns auf die andere Seite und – ja !
Die Tür geht auf.
Wir hechten hinein und verschließen die Tür – touchdown – safe – für den Moment.
Die Tür ist nur mit einem Steckriegel versehen. Also nicht gerade ein Etablissement das im Stile eines Fort Knox erbaut ist, trotzdem sind wir erleichtert und dies auf eine ganz andere Art als unser Nachbar der bei seiner Sitzung gerade das große Finale anstrebt.
Wir keuchen, schnaufen erst mal durch und lauschen ob wir draußen den Bären hören.
Außer dem Nachbarn der den Deckel zuklappt und (wie wir) erleichtert ausatmet ist aber nichts zu vernehmen.
Nachdem 5 Minuten verstrichen sind öffne ich die Tür und linse durch den Spalt – die Luft scheint rein.
Wir wagen uns hinaus und sehen uns um. Kein Bär und auch sonst niemand da. Höchstwahrscheinlich hat der Bär die Jagd auf der Treppe abgebrochen – war ja auch recht anstrengend – wie wir aus eigener Erfahrung wissen ......
Wir gehen zur Straße und laufen darauf zum nächsten Parkplatz wo unser Auto stehen müsste. Dabei holen wir den Klo-Nachbarn ein – ein Deutscher – wie hätte es anders sein sollen.
Wir warnen ihn, daß hier ein Bär rumlaufen könnte mit dem man besser keine Bekanntschaft macht, erreichen unser Auto und lassen uns auf die Sitze plumpsen.
What a day !
Am Morgen noch einen Platten reparieren lassen, dann vom Cop gestoppt, und nun vom Bären gejagt.
Nach 15 Minuten innerlichem Sammeln fahren wir weiter nach Osten, treffen auf den Seward Highway und folgen diesem für knapp 40 Meilen nach Süden bis zum Örtchen Seward. Natürlich gibt’s im Wagen nur ein Thema.
Wir sind fassungslos über das was uns da eben passiert ist.
Es fühlt sich fast so an, als ob man sich selbst dabei beobachtet hätte, so sehr hat das Unterbewusstsein alle Reflexe und Sinne gesteuert.
Was für ein völlig verrücktes Erlebnis.
Natürlich hätten wir die Treppe gleich nehmen sollen als die erste Gelegenheit dazu war aber wie der Bär da auf uns reagiert hat, war schon mehr als ein Hammer.
Der ganze Russian River ist ja eine Art Volkslauf wo zahlreiche Angler im Fluß stehen und sich Familien mit ihren Kindern auf den Aussichtplattformen und auf den Wegen tummeln. Da ist der Abstand zum Bären sicher oft noch weit geringer als wir ihn hatten und von wegen nur an Lachsen interessiert …..
Daß man möglichst nicht rennen soll ist uns in diesem Moment wurscht – wir sitzen im Auto und außer ein paar verbrauchten Kalorien fehlt uns nichts – Glück gehabt!
Wir erreichen am frühen Abend Seward und sehen uns nach dem Büro der Kenai Fjords Tour um.
Das Wetter für morgen soll nicht so prickelnd werden was uns auch vom Veranstalter bestätigt wird. Also buchen wir erst für den übernächsten Tag die 6-stündige Nationalpark-Tour.

Weiter geht’s zum vorreservierten Bear Ridge B&B.
Es ist zwar niemand da aber die Tür ist offen und ein Zettel an der Tür informiert uns, daß die Familie zum Essen mit Freunden unterwegs wäre und das wir uns selber einchecken sollten.
Kein Problem. Dann sehen wir noch einen Zettel, daß hier auf dem Grundstück heute auch schon ein Bär mit Nachwuchs gesehen wurde.
Wir sind alles andere als böse, daß wir ihn verpasst haben.
Alaska ist definitiv Bear Country.

Wir schleppen unsere Koffer aufs Zimmer, atmen einmal tief durch und fahren dann zum Holiday Inn Express wo wir um 19.30 Uhr mit Andreas verabredet sind.

Obwohl wir erst den 4. Tag hier sind können wir ihm heute so einiges erzählen – aber nicht nur deswegen wird es ein lustiger Abend.
Mit leckerem Fisch in Chinooks Restaurant beruhigen wir unseren Magen und in der Lobby des Holiday Inn Express, in dem Andreas untergebracht ist, unterhalten wir uns noch bis Mitternacht.
Da Andreas morgen schon die Kenai Fjords Tour gleich in aller Frühe hat verabschieden wir uns und wünschen uns gegenseitig noch eine schöne Reise – ohne Bärenverfolgungen.
Ein Tag der für uns Geschichte geschrieben hat.
Übernachtung: Bear Ridge Bed & Breakfast, Seward
Preis: 80 $ / 88 $ (mit Steuer)
Kommentar: Sehr schönes Zimmer und dazu verhältnismäßig günstig – etwas oberhalb des Ortskerns, Frühstück im großen Wohnzimmer der Vermieter.
Bild des Tages:
Er hatte seinen Spaß ...