3. Tag – Samstag, 29.09.
Nachdem wir gestern in den Bergen waren, geht es heute ans Meer. Wir wollen auf der Insel Anglesey das Städtchen Beaumaris anschauen und dann eine Wanderung entlang des Küstenpfads mit Start/Ende in Rhoscolyn im Westen der Insel machen.
Nach dem Frühstück geht es gegen 8.45 Uhr los, heute werde ich mich zum ersten Mal im Linksverkehr versuchen. Und es ist gar nicht so ungewohnt wie befürchtet. Links abbiegen ist natürlich einfach, dann ein bisschen auf der Ortsstraße entlangfahren, dann rechtsabbiegen auf eine vorfahrtsberechtigte Straße – puh, das finde ich (und dabei wird es auch bis zum Ende der Woche bleiben) wirklich unangenehm. Auf welcher Spur kommen die Autos aus welcher Richtung? Und auf welche Spur muss ich dann fahren? Und das Ganze nicht schön gemütlich, sondern dann, wenn gerade eine kleine Lücke in beide Richtungen frei ist. Na ja, mit Hilfe von Peter und mehrmaligem links und rechts schauen, bin ich dann unfallfrei abgebogen. Die Waliser sind zum Glück sehr ruhige, defensive Autofahrer.
Nach einiger Zeit kommt dann die zweite Herausforderung, ein Kreisverkehr. Was hatte ich mir deswegen Sorgen gemacht und nun ist das so einfach. Zumindest was die Kreisel hier im ländlichen Wales angeht. Die Kreisverkehre sind hinsichtlich Durchmesser und Breite großzügig dimensioniert, was zu einer entspannten Nutzung beiträgt. Wenn man an der ersten Ausfahrt gleich wieder abfährt, ordnet man sich ganz links ein und fährt einfach links wieder raus. Wenn man weiter muss, ordnet man sich rechts ein, fährt daher auch im Kreisverkehr eher rechts und einige Zeit vor Erreichen der gewünschten Ausfahrt fährt man dann nach links rüber. Innerhalb des Kreisels wird, obwohl diese immer zweispurig sind, nicht oder nur ganz selten, überholt. Man muss sich also keine Sorgen machen, dass man bei seiner Ausfahrt nicht mehr auf die äußere Spur gelangen kann und deshalb eine Ehrenrunde drehen müsste. Das habe ich in Frankreich ganz anders kennengelernt, da wird der mehrspurige Kreisel immer zum Überholen genutzt. Auch das Blinken ist absolut stressfrei, da macht jeder irgendwie das, was ihm am liebsten ist, innerhalb des Kreisels, etwa wegen eines Spurwechsels, wird aber nicht geblinkt. Ich blinke, wenn ich die erste Ausfahrt nehmen will, schon bei der Einfahrt in den Kreisel links. Wenn ich eine spätere Ausfahrt nehmen will, blinke ich kurz vor Erreichen dieser Ausfahrt links, manchmal habe ich das aber auch vergessen. Andere machen es auch so oder blinken schon bei der Einfahrt rechts, um anzuzeigen, dass sie nicht die erste Ausfahrt nehmen. Manche blinken gar nicht.
Nachdem diese Hürde also genommen ist, geht es über die Britannia Bridge auf die Insel Anglesey, dort auf einer Landstraße am Wasser entlang bis Beaumaris. Die Straße ist mal wieder sehr eng und kurvig und noch schlimmer, von einer Mauer eingefasst. Und nun geht es mir wie Peter, ich habe große Schwierigkeiten, nicht zu weit links zu fahren und dann die Mauer zu streifen. Ich orientiere mich schließlich im Außenspiegel an meinem Abstand zur Mittellinie und bin eher langsam unterwegs. Wie schon gesagt, die Waliser sind zum Glück sehr geduldige, ruhige Autofahrer, denn eine Möglichkeit zum Halten und die Autos hinter mir vorbeizulassen, gibt es nicht. Zum Glück erreichen wir dann, nach insgesamt 20 km und 30 min Fahrt, recht schnell Beaumaris. Am großen Parkplatz direkt am Wasser müssen wir heute keinen Automaten bemühen, hier steht Personal an der Einfahrt, für £ 4 Einheitspreis könn(t)en wir den ganzen Tag parken.
Wir gehen am Wasser entlang in Richtung des kleinen Hafens und genießen das morgendliche Licht, die Ruhe, die Ausblicke bis zu den Bergen des Snowdonia NP, auch der Mt. Snowdon, wo wir gestern waren, ist zu sehen. Es ist wunderschön!
Vom Hafen schlendern wir dann ins Zentrum des kleinen Örtchens mit bunten Häusern und einigen Geschäften mit Wohnaccessoires und Souvenirs, Restaurants, Cafés, Bäckerei und Kirche. Wir schauen in einige Schaufenster und zum Glück sind wir mit dem Flugzeug da, da ist mangels Platz die Versuchung nicht groß, irgendeines der zum Teil wirklich hübschen Dinge zu kaufen.
Dann kommen wir am netten Café Jollys vorbei, wo es herrliche Torten in großer Auswahl gibt. So kurz nach dem Frühstück kann ich noch nichts essen und beschränke mich auf einen Kaffee, Peter kann einem Stück Torte (ich meine es war eine Walnuss Creme Torte, leider kein Foto gemacht) nicht widerstehen. Für einen Flat White, einen großen Cappuccino und ein Stück Torte zahlen wir £9,40.

Danach gehen wir noch zur Hauptsehenswürdigkeit von Beaumaris, dem Castle. Dieses gehört wie mehrere Schlösser in der Umgebung zum UNESCO Weltkulturerbe und wurde unter König Edward I. im 13. Jh. erbaut, um die Herrschaft der Engländer über die Waliser zu sichern. Beaumaris Castle wurde allerdings nicht fertiggestellt, das Geld ging aus und es gab einen neuen Feind zu bekämpfen, die Schotten. Auf eine Innenbesichtigung verzichten wir und spazieren stattdessen noch ein Stück einen Wanderweg entlang, um eventuell eine bessere Gesamtsicht auf das Schloss zu bekommen. Das ist leider nicht der Fall, ein schöner Spaziergang war es aber allemal.
Nach einem nochmaligen kurzen Abstecher zum Hafen, gehen wir dann zum Auto zurück und fahren gegen 11 Uhr zu unserem nächsten Ziel, dem Dorf Rhoscolyn. Dorthin sind es ca. 40 km und mal wieder (wirklich unglaublich, dass wir in jedem Urlaub wieder von neuem darauf reinfallen

) führt uns das Navi nicht über die schön ausgebaute Schnellstraße, die sich bis in den Westen der Insel erstreckt, sondern über kleine, enge Landstraßen. Und bis wir es bemerken, ist es natürlich zu spät zum Umdrehen. So kommen wir nur langsam voran, mir ist oft nicht klar, ob der Gegenverkehr Platz hat oder ob Anhalten nötig ist, da bin ich total schlecht darin, so etwas abzuschätzen. Ziemlich genervt kommen wir dann schließlich in Rhoscolyn an, wo wir dem Schild zum Parkplatz am Strand (dem Ausgangspunkt unserer Wanderung Nr. 15 des Rother Wanderführers) folgen. Aber das ist nun eine Single Track Road und zwar eine ohne passing places, wie ich es oft von Schottland lese. Als passing place kann man nur die Einfahrten einiger weniger Grundstücke nutzen. Und die Straße ist so eng, dass man mit dem Auto nicht mal an einem Fußgänger vorbeikommt, der muss dann schon stehen bleiben und sich an den Rand quetschen. Und auf dieser Straße ist ein unfassbarer Verkehr. Autos in beide Richtungen, Fußgänger, Fußgänger mit Hunden, ….. Nach zigmaligem Rückwärtsfahren bin ich mit den Nerven am Ende und bitte Peter weiterzufahren. Mitten auf der Straße machen wir einen Fahrerwechsel, eine Frau mit Hund, die auf ihrem Weg an den Strand auch nicht schneller vorankommt, als die Autos, meint zu mir „what a nightmare“ und da kann ich ihr aus vollem Herzen zustimmen.
Peter bringt uns aber sicher zum Parkplatz – und der ist, wie eigentlich nicht anders zu erwarten, völlig überfüllt. Keine Chance auf einen freien Platz. Also wieder zurück. Immerhin hat sich der Verkehr hier beruhigt und wir sind schnell am oberen Ende der Straße – und entdecken eine große Wiese, die offensichtlich als Ausweichparkplatz genutzt werden kann. Die hatten wir vorhin überhaupt nicht gesehen. Allerdings ist nirgends etwas zu lesen, ob man hier tatsächlich parken darf und wie lange usw. aber das ist uns nun egal. Wir wollen nur noch das Auto abstellen und den Motor ausschalten.
Inzwischen ist es zwölf Uhr und bevor wir unsere Wanderung starten, esse ich am/im Auto noch etwas. Nun fällt die Anspannung von mir ab und das ist genau die Situation, die bei mir eine Migräne auslöst und das Kopfweh lässt auch heute nicht lange auf sich warten. Zum Glück habe ich seit ein paar Monaten spezielle Migräne Tabletten und die wirken wirklich Wunder. Nach wenigen Minuten sind die Schmerzen wie weggeblasen, ohne diese Tabletten hätten wir uns gleich wieder auf den Rückweg ins Ferienhaus machen können.
Das Wandernavi führt uns vom Parkplatz über einen schönen Wiesenweg direkt zu unserer Wanderroute, die entlang der Küste verläuft.
Und nun sehen wir auch den Grund für die vorherige Verkehrssituation: es findet ein Lauf- und Schwimmevent statt, Leute jeglichen Alters, die sichtbar erst vor kurzem aus dem Wasser kamen, kommen uns joggend auf dem Küstenpfad entgegen. Anders als beim Autoverkehr ist das hier aber nicht störend, der Weg ist breit genug und bei dem schönen Wetter freuen wir uns einfach, an der frischen Luft zu sein und warten gerne mal, bis der ein oder andere vorbei ist, wenn es doch eine Engstelle gibt.
Die Küste ist sehr abwechslungsreich mit mal mehr, mal weniger steilen Felsen, mal mit kleinen Buchten.
An einer Stelle sind die Felsen richtig bunt und dann gibt es sogar einen Sea Arch (leider im Gegenlicht).
Kurz darauf führt der Weg von der Küste weg, um einen Bogen im Hinterland zu schlagen. Es geht durch Wiesen, an einigen Häusern und einer Kirche vorbei. An einem Bauernhof müssen wir zwei Gatter durchqueren, hier schlägt mein Herz etwas schneller, solche einsam gelegene Bauernhöfe haben oft Hunde, die dann unvermittelt die vorbeilaufenden Wanderer anbellen oder gar auf sie zu rennen, aber hier bleibt alles ruhig. Ich bin dennoch froh, als wir auch die zum Bauernhof gehörige (leere) Viehweide durchquert haben und nach einem erneuten Gatter ein Waldstück betreten.
Am Ende des kurzen Waldwegs stehen wir dann ganz unerwartet am Strand. Das ist mal eine hübsche Überraschung!
Wir laufen am Strand entlang bis zum anderen Ende der schönen Bucht. Dort ist ein kleiner Kiosk und ein paar Bänke. Ideal für eine kleine Kaffeepause mit Blick aufs Meer. Wir nutzen noch die Toiletten und folgen dann weiter dem Küstenpfad
bis wir schließlich zu dem Parkplatz kommen, den wir vor ein paar Stunden so mühsam und dann auch noch erfolglos erreicht haben. Nun ist er ziemlich leer und auch die schmale Straße, der wir nun folgen, haben wir weitestgehend für uns alleine.
Kurz vor dem Ende dieser Stichstraße kommen wir am White Eagle Inn vorbei. Hm, etwas Hunger haben wir schon, auch wenn es erst 16 Uhr ist, mal schauen, was es hier so gibt. Die Karte schaut vielversprechend aus und es gibt alle Gericht auch jetzt schon/noch am Nachmittag. Das Restaurant besteht aus einem sehr gemütlichen Gastraum, einer Terrasse und einer unterhalb davon liegenden Wiese auf der Picknickbänke aufgestellt sind und wo sich viele Familien mit Kindern und Hunden niedergelassen haben.
Da die Sonne noch so schön scheint, entscheiden wir uns für die Terrasse. Das stellt sich aber schnell als Fehler heraus. Zum einen wird man nur im Gastraum bedient, hier auf der Terrasse muss man Getränke und Speisen an der Theke bestellen, die Getränke selbst an den Tisch mitnehmen, das Essen wird dann gebracht. Mir fällt die Aufgabe zu, am Tresen zu bestellen. Getränke sind kein Problem, ein Apple Cider für mich, eine Cola für Peter (er muss dann noch Auto fahren, da ich zumindest für heute, mit dem Linksverkehr abgeschlossen habe

). Das Essen ist etwas schwieriger, es gibt an der Theke nämlich keine Speisekarte, sondern es sind nur einzelne Gerichte auf eine Tafel aufgemalt. Peter wollte etwas mit Steak, für mich bestelle ich eine Platte mit Krabbe und Salaten.
Die großen, randvollen Gläser kriege ich gerade so unfallfrei an den Tisch. Wir beobachten die anderen Gäste, es herrscht eine fröhliche Stimmung, scheinbar sind viele Familien, aber auch Paare nach ihrem Ausflug an den Strand hier noch eingekehrt. Nach einiger Zeit zeigt sich allerdings Problem Nummer zwei mit der Terrasse – es wird sehr schnell sehr frisch. Wir sind noch am Überlegen, ob wir nach drinnen umziehen sollen, da kommt auch schon unser Essen. Oh je, das vermeintliche Steak für Peter, als Gammon Steak auf der Tafel, entpuppt sich als dicke, gepökelte Beinscheibe vom Schwein, die kurzgebraten ist, dazu Spiegelei, Pommes und Erbsen. Meine Platte ist toll angerichtet mit vielen verschiedenen Salaten, Brot mit Butter und der großen Krabbe – ich war aber davon ausgegangen, dass das Krabbenfleisch warm wäre, ist es aber nicht.
Da uns unsere Gerichte aber trotzdem sehr gut schmecken (leider habe ich vergessen, davon ein Foto zu machen, im Internet gibt es aber zahlreiche Fotos vom Gammon Steak), können wir bald über mein Missgeschick bzw. Irrtum lachen. Was ein Gammon Steak ist, werden wir nie wieder vergessen!

Wegen der kühlen Temperaturen essen wir etwas schneller als üblich und nach dem Zahlen (£ 35,00) gehen wir die letzten Meter zurück zum großen Ausweichparkplatz. Glück gehabt, das Auto ist noch da und ohne Strafzettel. Damit ist die Wanderung nach 11 km, 110 Höhenmetern und 3 Stunden (natürlich ohne die Zeit im Restaurant gerechnet) beendet.
Über die Schnellstraße fahren wir (bzw. Peter) problemlos zurück nach Caernarfon und sind nach einem Stopp bei Morrisons bald wieder im Ferienhaus.
Gegen 19.00 Uhr spazieren wir zum Schloss von Caernarfon, um vom gegenüberliegenden Ufer Nachtfotos zu machen.
Ab 20 Uhr ist dann endgültig relaxen für heute angesagt.
Wetter: sonnig, teils leicht bewölkt, ca. 15°C