26. Mai Im Wald und auf der Weide…Der Samstagmorgen begrüßt uns mit schottisch blau-weißem Himmel und strahlendem Sonnenschein. Es ist auch schon schön warm, wir können das Frühstück draußen genießen. Und das tun wir in aller Gemütlichkeit ausgiebig.

Wir machen auch eine erste Beobachtung, die wir hier als Besonderheit des Platzes ansehen. Später zeigt sich eine gewisse Allgemeingültigkeit: der Camper in Schottland reist mit Hund. Zudem geht der Trend eindeutig zum Zweithund.

Tja, auch wir sind nicht ohne unterwegs, nur ist unserer aus Plüsch.
Dann habe ich dringende Geschäfte im Waschhaus zu erledigen, doch der herzögliche Campingplatz schwächelt. Die Spülung in der von mir gewählten Kabine funktioniert nicht. Oops! Das Reinigungspersonal rückt gerade an, so kann ich sie vorwarnen. Leider sieht der Englisch-Lehrplan deutscher Gymnasien dafür keine Vokabeln vor. Dieses Erlebnis lässt mich zur Wasserverschwenderin mutieren, denn ab da habe ich alle Spülungen vorher getestet.
Wir satteln unsere Drahtesel und reiten in den Ort; Ziel Bahnhof. Die Idee ist, nach Pitlochry zu fahren und eine Wasserfall-Wanderung mit dem Besuch in der kleinsten Whisky-Distille Schottlands zu verbinden, mit Verkostung natürlich. Wir haben jedoch ein wenig zu sehr getrödelt, der Vormittagszug ist seit 10 Minuten weg und die folgenden passen zeitlich nicht zu unseren Plänen. Nicht mal in der Gegenrichtung, zur Dalwhinnie Distille, passt es. Wir sind doch zu Hause sehr verwöhnt mit öffentlichem Nahverkehr.
Natürlich habe ich noch ein paar andere Ideen; das Wetter ist ja auch viel zu schön, um in der Distille zu hocken. Als erstes schauen wir uns die Blair Atholl Watermill an. Seit 1590 steht an dem Platz eine Wassermühle, fünfzig Jahre war sie außer Betrieb bis sie 1977 restauriert wurde. Seitdem gehört sie zu den elf letzten funktionierenden Wassermühlen in Schottland und produziert Mehl hauptsächlich für die eigene Bäckerei und den Tearoom. Tja, nur leider heute nicht. Wirklich schade.

Dann eben ab in die Natur – wir radeln am Atholl Arms Hotel vorbei,

eines der repräsentativen Gebäude hier im Dorf
überqueren den River Tilt und dann leicht bergan Richtung Old Blair. Neues Ziel: der Glen Tilt Parkplatz. Von dort starten sechs unterschiedlich lange Wanderungen in das große Gebiet der Atholl Estates. Wir nehmen uns den Glen Tilt Loop vor, 10 Meilen, die aber auch auf 6 Meilen abgekürzt werden können. Dazu haben wir den gelben Pfeilen zu folgen, doch der Startpunkt ist nicht so leicht zu finden.

Blaue Pfeile, rote und grüne aber keine gelben. Wir irren ein bisschen in die eine Richtung, dann in die andere, bis wir spitz kriegen, dass wir wohl den Schotterweg folgen müssen, der für uns eher wie eine Einfahrt aussah. Da steht ein Schild "Hikers and bikers welcome" also kanns ganz so falsch nicht sein. Tatsächlich kommt dann auch bald ein gelber Pfeil.
Der River Tilt fliesst größtenteils durch eine Verwerfung im umliegenden Hügelland. Das Tal war einst eine wichtige Verbindungsstrecke von Braemar und den nördlichen Cairngorms nach Süden. Unser Weg führt anfangs die Forststraße entlang durch den Wald, den Fluss hört man mehr, als dass man ihn sieht.

Die normale Route zweigt dann ab, steil bergauf den Hügel zu einem Aussichtspunkt über das Tal – und zu einem Schießstand. Wenn dort grad Distanzschießen geübt wird, soll man sicherheitshalber unten auf der Forststraße bleiben. Natürlich muss genau heute so ein Tag sein – naja bleibt uns wenigstens ein schweißtreibender Anstieg erspart.

Wir folgen also brav der Umleitung. Gut so, denn prompt hören wir, dass tatsächlich scharf geschossen wird.

Wenig später kreuzen wir den Fluss auf einer alten Steinbrücke, ab hier sehen wir dann mehr von ihm und auf der anderen Seite Weide und viele der wolligen Einwohner Schottlands.

Tal Richtung Norden




Ein kleiner Wasserfall rechts des Weges
Es geht weiter bis zu einer weiteren Tiltquerung, Gilbert's Bridge, wo auch die Umleitung endet. Hier legen wir ein Apfelpäuschen ein. Hier müssen wir auch entscheiden, ob wir weiter wandern oder die Abkürzung zurück nehmen.
Was haben wir wohl gemacht?

Obwohl es noch interessanter zu werden scheint, natürlich den kurzen Weg genommen. Ich habe Straßenschuhe an und allmählich beginnen die zu drücken; der Gatte klagt über Rücken.
Noch ein letzter Blick zum Fluss

Ich hätte ja auch gern die Brücke aufgenommen, doch es führte kein Weg hinunter zum Bach bzw. es war zuviel Gestrüpp davor.
Der Pfeil "short cut" führt uns ein Stück den Hügel hoch und dann geht’s quer über die Schafweiden zurück. Das Gehen auf dem Gras finde ich angenehmer als auf der Schotterpiste, nur aufpassen, wo ihr hintretet!


einer der hier rumliegenden Bens (so heißen hier in Schottland fast alle Höhen mit Vornamen)



Ausblick nach Südwesten, da lauern höhere Berge
Nun können wir die Shooting range nicht nur hören sondern auch sehen.

Und die Farm, zu der wohl all die Schafe gehören. Die bilden immer wieder ein nettes Fotomotiv, auch wenn die meisten schnell Reißaus nehmen, wenn wir kommen.



Und mal was anderes, eine meiner Lieblingsblumen in freier Wildbahn. Ich bin immer noch fasziniert, dass die hier tatsächlich Forget-me-not heißen.

Letztlich endet der Querfeldeinweg an einer Straße, die müssen wir nun bergab folgen bis zum Parkplatz. Viele nette (Ferien)Cottages gibt es hier; da deren Bewohner bei dem schönen Wetter alle draußen sitzen, leider keine Fotos. Und für das recht enge Sträßchen müssen wir recht viel Autoverkehr ausweichen.

Teilweise geht es recht steil runter, jetzt merke ich nicht nur Blasen, sondern auch Knie. Jedenfalls sind wir froh, den Parkplatz wieder zu erreichen. Übrigens, obwohl der nahezu voll belegt ist, sind uns nur eine Familie, ein Wanderpärchen und vier Mountainbiker begegnet.
Durch den Wald kürzen wir die Strecke zum Campingplatz Hintertürchen ab. Den Rest des Tages verbringen wir faulenzend im Liegestuhl und braten in der Sonne. Wer hätte gedacht, dass es in Schottland so warm werden kann.

Es bleibt lang genug warm, um wieder draußen Abend zu essen. Und der Ostwind vertreibt die Midges und alles andere Mückenähnliche.
Heutige Etappe:
