10. Tag – Montag, 22.05. (Wanderung Mont Ventoux)
Heute wollen wir uns den Berg aus der Nähe ansehen, den wir seit Urlaubsbeginn fast täglich aus der Ferne bewundert haben: den höchsten Berg der Provence, den Mont Ventoux.
Gegen 8.15 Uhr fahren wir los. Über Isle-sur-la-Sorgue (kurzer Stopp für frisches Baguette) und Carpentras erreichen wir das Bergdörfchen Malaucène. Hier beginnt die kurvige D 974, die an der Nordseite des Bergs hinauf bis zum Gipfel führt. Um diese Uhrzeit ist es noch sehr ruhig, andere Autos sehen wir kaum, wir überholen aber immer wieder Radfahrer, denn der Mont Ventoux war schon öfters Teil der Tour de France und ist daher bei Rennradlern ein beliebtes Ziel. Immer weiter führt uns die Strasse in die Höhe, meist durch Nadelwald, hin und wieder hat man aber auch kurze Ausblicke in die umgebenden Täler.
Gegen viertel vor zehn biegen wir dann, 5 km unterhalb des Gipfels auf 1391 m Höhe von der Gipfelstrasse ab. Die Stichstrasse D 164 führt an Skiliften und Ferienhäusern vorbei. Am Ende befindet sich ein Campingplatz, der auch Hütten zum Übernachten anbietet. Unmittelbar davor endet die Strasse, wird breiter und dient zum Umdrehen und als Parkplatz.
Wir machen uns wanderfertig und starten gegen 10 Uhr die Wanderung Nr. 4 des Müller Wanderführers. Zunächst geht es auf einem breiten Forstweg eben durch den Wald. Nach ungefähr zehn Minuten fällt mir auf, dass meine Wanderstöcke gar nicht am Rucksack befestigt sind. Mist, die habe ich im Auto vergessen. So drehen wir um und gehen zum Auto zurück, gerade bei der heutigen Wanderung werde ich die Stöcke vermutlich brauchen.
Also nochmaliger Start, nach fünfzehn Minuten auf dem Forstweg biegen wir auf einen schmalen Pfad ab, der uns in Serpentinen durch den Wald mit gemässigtem Anstieg nach oben führt. Immer wieder hat man tolle Ausblicke nach Nordosten, am Horizont kann man die schneebedeckten Gipfel der französischen Alpen erahnen. Auf 1700 m Höhe erreichen wir die Baumgrenze und haben einen schönen Blick zurück zum Campingplatz und Parkplatz. Bis hierher sind wir ungefähr eine Stunde gewandert.
Nun wird es steiler und für Peter aufgrund seiner Höhenangst schwieriger. Das ist genau die Umgebung, die für ihn die meisten Probleme darstellt: ein ausgesetzter Weg und rundum nur graue Steine, also nichts, woran sich der Blick festhalten könnte. Solange der Weg normal zu begehen ist, kommen wir dennoch gut voran.
Dann kommt aber ein großer Fels, der nur unter Zuhilfenahme der Hände zu bewältigen ist. Ich gehe voran, dann folgt Peter und hängt fest! Mitten im Felsen weiß er nicht mehr, wo er als nächstes Hingreifen bzw. Hintreten soll. Ich kann ihm natürlich überhaupt nicht helfen, sage ihm aber, dass wir alle Zeit der Welt haben, zumal auch keine anderen Wanderer unterwegs sind, auf die wir Rücksicht nehmen müssten. Nach einiger Zeit schafft Peter es dann tatsächlich von diesem Felsen herunterzuklettern, zurück auf den Weg, den wir gekommen sind. Mir fällt ein Stein vom Herzen, allerdings ist die Wanderung nun hier für uns zu Ende. Wie schade! Wir gehen den Pfad zurück und plötzlich sieht Peter vielleicht fünfzig Meter über uns die Leitplanke der Straße, die zum Gipfel führt – wenn wir dort hinkämen, könnten wir den Rest des Weges auf der Straße zurücklegen. Und tatsächlich, bei genauerer Betrachtung scheint ein gut zu gehender Pfad genau an diese Leitplanke hinzuführen.
Wir versuchen es mit diesem Pfad und nach einiger Zeit stellen wir verwundert fest, dass dies der offizielle Weg sein muss, einige Wanderer, die wir nun hinter uns entdecken, nehmen nämlich auch diesen Pfad und die rot-weiße Wegmarkierung taucht auch wieder auf. Sehr merkwürdig. Vielleicht hat sich wegen Fels- und Geröllabgängen die Wegführung geändert, jedenfalls zeigt uns das Wandernavi einen anderen Weg und auch der auf der Karte im Wanderführer eingezeichnete Weg berührt die Straße an dieser Stelle nicht. Egal, das lässt sich wohl nicht mehr klären, wir sind jedenfalls glücklich, nun doch noch den Gipfel zu Fuss erreichen zu können.
Gegen viertel vor zwölf Uhr sind wir dann an der Stelle, wo der Weg die Straße berührt und machen eine kurze Apfelpause. An der Kurve unterhalb einer Felswand liegt tatsächlich noch Schnee.
Auf der Strasse müssen wir nicht wandern, bis zum Gipfel führt der gut begehbare Pfad
und weit ist es auch nicht mehr, zwanzig Minuten später stehen wir auf 1912 m und damit am höchsten Punkt der Provence!
Hier oben weht ein kräftiger und kalter Wind, so schauen wir uns nur kurz um, und wandern dann wieder abwärts auf einem durch rote und blaue Pfosten markierten Weg.
Immer wieder werfen wir einen Blick zurück zum Gipfel, denn die Landschaft hier oben ist wirklich faszinierend: eine Wüste aus Geröll, aus der Ferne hatten wir ja die letzten Tage immer die graue Bergspitze gesehen, ich dachte, dass sie aus Felsplatten besteht. Aber nein, es sind alles Steine, in die man zum Teil beim Gehen tief einsinkt.
Wir machen dann Mittagspause und beobachten dabei die Radfahrer auf ihren letzten Metern zum Gipfel. In einer großen Kurve hat sich ein kommerzieller Fotograf aufgestellt, der alle Rad- und Motorradfahrer fotografiert, sein Name und die Website ist auf einem großen Banner zu lesen, dort kann man sich dann vermutlich die Bilder anschauen und kaufen.
Wir gehen insgesamt (inkl. Pause) ca. eineinhalb Stunden vom Gipfel auf dem Grat entlang in östlicher Richtung leicht bergab, nach und nach geht der Schotter in Gras über. Dann zweigen wir links ab, nun geht es in Serpentinen etwas steiler abwärts, zunächst durch Geröll, dann führt der Weg in den Wald.

Bereits eine halbe Stunde später erreichen wir die Höhe, auf der auch der Parkplatz liegt. Nun müssen wir nur noch ungefähr 4 km nach Westen gehen, um diesen zu erreichen. Allerdings ist „nur noch“ die falsche Formulierung, wie wir schon bald feststellen. Der Wanderpfad schlängelt sich am Berghang entlang, es geht mal etwas bergab, mal etwas bergauf. Das ist auf dem erdigen Weg durch den Wald kein Problem, aber leider wird der Wald unzählige Male von großen Geröllabhängen unterbrochen. Da geht es jeweils mehrere hundert Meter durch das ziemlich unwegsame Geröll, wobei man rundum nur von Gestein umgeben ist – also genau die Situation, die bei Peter Höhenangst verursacht. Dazu kommt noch, dass sein Knie zum ersten Mal in diesem Urlaub schmerzt. Leider habe ich von den Gelöllabhängen überhaupt keine Bilder gemacht, selbst ohne Höhenangst war ich jedesmal froh, es hinter mich zu bringen.
Immer wieder hat man schöne Ausblicke, die wir nun aber nicht mehr so richtig genießen können.
Als wir nach anderthalb Stunden wieder auf den Weg vom Aufstieg von heute Vormittag treffen, geht es Peter wieder besser, dafür setzt bei mir plötzlich und ohne vorherige Anzeichen ein recht starkes Kopfweh ein. Wir gehen die letzten Meter zurück zum Auto und starten dann gleich die Rückfahrt. Schade, am Campingplatz hat ein kleiner Verkaufsstand geöffnet, da hätten wir uns gerne noch ein Eis gegönnt, mit meinen Kopfschmerzen aber nicht möglich.
Die Anfahrt zum Berg haben wir heute Morgen ohne Navi gemacht, weil wir die großen Straßen nutzen wollten. Für den Rückweg schalten wir nun das Navi ein, in den Städten durch die wir heute Morgen gefahren sind, könnte es nun durch den Berufsverkehr recht voll sein, da soll das Navi entscheiden.
Und wie zu erwarten biegen wir an der Kreuzung der Stichstraße mit der Gipfelstraße nicht nach rechts, also bergabwärts wo wir hergekommen sind ab, sondern nach links. Das Navi führt uns über den Gipfel des Mont Ventoux. An sich ist das eine interessante Fahrt und oben ist die Fernsicht und das Licht wesentlich besser als heute zur Mittagszeit als wir zu Fuß da waren und hätte ich keine Kopfschmerzen würden wir aussteigen und uns nochmal umschauen. Aber so sind die vielen Kurven eher eine Qual für mich und bergab wird es noch schlimmer. Die Kurven scheinen gar kein Ende zu nehmen, erst als wir das kleine Städtchen Sault erreichen, wird es etwas besser. Dafür ist nun die Straße gerade frisch geteert und wie hier im ländlichen Gebiet üblich, mit einer losen Schicht Kies bedeckt worden, die sich nach einiger Zeit mit dem noch weichen Teer zu einer festen Masse verbindet. Zum jetzigen Zeitpunkt kann man aber nur sehr langsam fahren, die Steinchen fliegen nur so ums Auto herum.
Endlich nach einer Stunde und fünfundvierzig Minuten erreichen wir die Ferienanlage. Ich lege mich sofort ins Bett, Peter fährt nochmals los, um im Supermarkt etwas zum Abendessen zu besorgen. Es gibt dann Nudeln und ich zwinge mich, auch etwas zu essen, da Hunger nach dieser anstrengenden Wanderung die Kopfschmerzen sicherlich nicht besser macht. Leider waren wohl die vielen Kurven zusammen mit den migräneartigen Kopfschmerzen zuviel und eine halbe Stunde nach dem Essen hänge ich mit dem Kopf über der Kloschüssel – na gut, dann muss es bis morgen früh ohne Essen gehen.
Peter verbringt den Rest des Abends vor dem Fernseher, ich bin zu nichts mehr fähig und bleibe im Bett.
Wanderung lt. Wanderführer:
Gehzeit 4.35 h (unsere Gesamtzeit 6.00h)
Strecke 13 km
Aufstieg 755 m
Wetter: sonnig, auf dem Mont Ventoux wolkig, ca. 26 °C