Jetzt war er da, der Tag, weshalb wir überhaupt die Reise nach Shanghai unternommen haben,
Der Tag der Hochzeit (Samstag, 3.10.2015)
Der Wecker klingelte sicherheitshalber um 8:00. Heute gab es nur den obligatorischen Pulverkaffee. Etwas essen wollte keiner von uns, hatten wir uns doch erst gestern Abend kugelrund gefuttert und dann waren wir auch schon für etwa 11:00 zum Mittagessen verabredet. Zuletzt sollte auch noch Platz für das Festessen am Abend sein.

Wir haben dann die Festkleider und den Anzug sowie alle Mitbringsel (Schokolade als Tafeln und Kugeln und weitere Süßigkeiten aus Deutschland) in einen unserer Koffer gepackt und sind losgezogen. Die Fahrt ging wieder mit der Metro (Fahrzeit etwa 1 1/2 Stunden, 2 mal umsteigen, Kosten: 0.85 Euro) in den Vorort Jiading, wo wir uns in einem Hotel mit Elise und ihren Eltern treffen sollten. Meine Tochter hatte die Visitenkarte des Hotels auf ihrem Smartphone. So konnte also nichts schief gehen.
Nach etwa 1 Stunde sagte meine Tochter plötzlich: "Wir haben die Kuh vergessen." Die Kuh war unser Hochzeitsgeschenk für Elise und wir hatten ihr schon beim Treffen am Mittwoch angekündigt, dass sie heute ihr großes Geschenk erhalten würde. Was nun? Schließlich fliegen wir morgen wieder heim und haben da keine Zeit mehr, noch eine mehrstündige Geschenkablieferaktion einzubauen. Und meine Tochter hatte ihrer Freundin versprochen, ihr nach dem Mittagessen beim Umkleiden zu helfen. Mein Schwiegersohn und ich sollten uns irgendwie anders beschäftigen bis zum Beginn des eigentlichen Festes, z.B. Sightseeing in dem Vorort. Wir waren schon zu weit gefahren, um noch umzukehren und die Kuh zu holen. So fuhren wir erst einmal weiter und schmiedeten Pläne, wie wir weiter vorgehen wollten. Mein Schwiegersohn sah uns beide Frauen verzweifelt an, wohl weil er irgend eine verrückte Idee von einem von uns erwartete und hoffte wohl, nicht das Opfer dieser Idee zu werden. Aber seine Befürchtungen waren umsonst.
Ich hatte die ganzen Tage die Metro-Pläne studiert und auch schon mal einen der Fahrscheinautomaten bedient. So traute ich mir ohne Weiteres zu, allein zum Hotel zurück zu fahren und die Kuh zu holen. Meine Tochter sah mich bei diesem Vorschlag zweifelnd an, da die letzte Linie sich gabelt und ich da auch noch den richtigen Zug erwischen musste. Die Monitore auf den Bahnsteigen mit der Ankündigung der nächsten Züge hatte ich schon gesehen und auch die Laufschrift an beiden Enden der Metro-Wagen. Die Monitore waren nur chinesisch; die Laufschrift war war zweisprachig, das Endziel aber nur im chinesischen Teil. Also lernte ich anhand der ausgehängten Streckenpläne über den Türen die Unterschiede zwischen den Zeichen für die beiden Endziele auswendig sowie das letzte Zeichen des richtigen Endziels. Meine Tochter erklärte auch, wo in der Laufschrift das Endziel angeschrieben war - und plötzlich erkannte ich auch die Zeichen des richtigen Endziels wieder. Dazu war einfach nur ein Bildervergleich zwischen der Tafel und der Laufschrift notwendig.
Am Bahnhof angekommen, suchten wir ein Taxi. Dabei ignorierten wir alle Autos, die nicht das Taxi-Schild auf dem Dach hatten und somit keine offiziellen, lizenzierten Taxifahrer waren sondern Privatunternehmen, die gerne mal Touristen abzocken. Meine Tochter zeigte dem Fahrer die Visitenkarte auf ihrem Smartphone und schon fuhren wir los. Wir stellten fest, dass es sich um eine Kurzstrecke mit fixem Preis handelt (1.50 Euro) und der Preis die ganze Zeit auf dem Taximeter stand. Also auch diese Hürde würde ich nehmen können.
Im Hotel wurden wir von Elise begrüßt und wir gestanden unser Missgeschick und auch unseren Plan, wie wir das Geschenk noch selbst würden herbeischaffen können. Aber zuerst einmal wurden wir in einen großen Saal geführt, in dem auf der einen Seite bereits etliche runde Tische standen, an denen schon Leute saßen. Die andere Seite sah wie eine Großbaustelle für den Aufbau einer aufwändigen Dekoration aus.
Nach der Vorstellung wurden wir zu unserem Tisch geführt, an dem auch Elise und ihr Mann (eigentlich sind die beiden schon seit Ende Mai verheiratet) sowie Elises Eltern und weitere Verwandte saßen. Auch ein weiterer ausländischer Freund von Elise war anwesend, der aus Grenada (kein Schreibfehler, ich meine wirklich die Insel in der Karibik) kommt und gerade in Shanghai war. So saßen an diesem Tisch drei Farben, wie einer der Anwesenden auf englisch anmerkte, der dunkelhäutige Freund aus Grenada, die drei weißen Deutschen und die Chinesen. Wir vier waren die einzigen Ausländer bei der Feier.
Das Essen wurde aufgetragen; nach einer Basis von 3 Gerichten als Vorspeise wurde immer wieder ein neues aufgetragen. Als die Drehscheibe voll war, hat das Personal des Hotels halbleere Platten auf eine Platte zusammengefasst und auch die Platten der ersten Gerichte entfernt. Leider habe ich vergessen mit zu zählen, wie viele verschiedene Gerichte aufgetragen wurden. Nach meinem Gefühl waren es wohl so 12. Von den meisten Gerichten kannte ich keine Namen, aber sie schmeckten alle hervorragend. Und auch mein Schwiegersohn probierte von (fast) allen Platten und fand seine Lieblingsspeisen. Da gab es Gurkenstücke mit Dip als Vorspeise, Ente, Garnelen, Fisch, Schweinefleisch, verschiedene Gemüse, eine Suppe, gebratenen Reis mit Gemüse und zum Schluss noch Melonenschnitze.
Gestärkt mit dem leckeren Essen machte ich mich dann auf den Rückweg zum Hotel. Elise half noch, eine Visitenkarte des Hotels, ein Taxi und einen Zettel mit dem Namen der Metro-Station zu organisieren, so dass die Verständigung mit den Taxi-Fahrern auch kein Problem sein würde. Mein Schwiegersohn wollte im Hotel bleiben und sich im Internet vergnügen.
Es hat alles wunderbar geklappt. Ich verstand zwar nicht viel, konnte mich aber problemlos durch die bereits vertrauten Gänge der Metro-Stationen bewegen und fand auch immer sofort die richtige Bahn und die richtige Fahrkarte im Automaten. Nach etwa 3 1/2 Stunden war ich wieder zurück und wurde mit großem Hallo empfangen. Da hatten sich wohl einige der chinesischen Gäste überlegt, wie sie die verirrte Touristin ohne die geringsten Chinesisch-Kenntnisse wiederfinden könnten, die sich ja unweigerlich verlaufen muss.

So war der Empfang natürlich entsprechend, als ich kurz nach der Mindestzeit, die ich zu diesem Abenteuer wohl brauchen würde, wohlbehalten wieder eintraf.
Meine Tochter kam gerade in die Lobby als ich die Halle betrat; sie hatte das Taxi vorfahren sehen und mich erkannt. Sie trug bereits ihr Festkleid und führte mich in eine Hotelsuite, die als Hochzeitssuite dekoriert war und in deren Wohnzimmer bereits einige Verwandte warteten. Im Bad konnte ich mich umziehen.
Gerade als ich fertig war, traf die Braut wieder ein nahm ihr Geschenk in Empfang. Die Süßigkeiten im Bauch der Kuh musste sie gleich probieren; es waren ja schließlich dieselben wie ihre Lieblingssüßigkeiten vor 10 Jahren.
Unsere Kleider kamen sehr gut an und die ersten Fotos wurden gemacht. Die meisten Fotos sind privat; ich habe aber einige für euch "entprivatisiert".
Braut mit Schwester und Mutti aus Deutschland:

Elise und auch ein paar der anwesenden Gäste haben die beiden Dirndl sofort als Tracht aus Süddeutschland erkannt; das Wort "Oktoberfest" fiel einige Male innerhalb der chinesischen Komplimente zu den Kleidern.
Die beiden (eifersüchtigen) Brautjungfern wollten auch ein Bild mit den beiden Trachten:

Anschließend gingen wir in den großen Saal vom Mittagessen, der jetzt als Festsaal hergerichtet war. Aus der Baustelle waren eine Bühne und ein mit Alufolie abgedeckter Laufsteg geworden, der an einem kleinen Pavillon endete. Entlang des Laufstegs waren Scheinwerfer aufgestellt, die über einen Computer von einem der Techniker zu einer super Lichterschau bedient wurden. Auf den Tischen standen Getränke bereit: Cola, Orangenlimonade, gesüßte Kokosmilch, Zitronenlimonade, Wein, Bier, Schnaps; Wasser musste extra bestellt werden.
Jedem Gast wurde von den Brauteltern sein Tisch zugewiesen. Es waren etwa 250 Gäste anwesend, Verwandte und Freunde vom Brautpaar sowie Bekannte von Elises Vater, die aus Reputationsgründen eingeladen werden mussten.
Als (fast) alle saßen fing die erste Lichterschau an und die Vorspeise wurde aufgetragen.
Der leere Tisch direkt vor der Bühne war für das Brautpaar, die beiden Brautjungfern und die beiden Best Men des Bräutigams reserviert.
Wie schon beim Mittagessen wurden immer wieder neue Speisen aufgetragen, Garnelen, Ente, Huhn, Hühnerfüße, Schwein, Rind, Fisch, Hummer, verschiedene Gemüse, verschiedene Suppen, gebratener Reis (fast zum Schluss), Obstplatte (Wassermelone, Honigmelone, Trauben und Tomaten) als Nachtisch; insgesamt wohl so 20 verschiedene Gerichte. Während der ganzen "Show" wurde vergnügt gegessen und getrunken.
Plötzlich änderte sich die Lichterschau an der Decke.
Und die Braut stand im weißen Hochzeitskleid mit Schleier wie hier auch in dem Pavillon:
Auf der Bühne standen der Bräutigam und ein Conferencier, der den ganzen Abend die Show leitete:
Der Conferencier erzählte wohl von den beiden, wo sie aufgewachsen waren und wie sie sich kennengelernt hatten. Dann ging der Bräutigam über den Laufsteg zur Braut und überreichte ihr den Blumenstrauß mit einem Kniefall. Leider konnte ich nicht verstehen, was er sagte, aber als die Braut den Strauß nahm und er sich wieder erhob, klatschen alle begeistert. Danach gingen beide langsam über den Laufsteg zur Bühne. In dieser Zeit wurden genau zur richtigen Zeit vorher platzierte Konfettikanonen abgefeuert, so dass die ganze Zeit das Konfetti auf die beiden herunter regnete.
Auf der Bühne gab es noch einige Zeremonien mit den Blumen
und am Ende das Anstecken der Ringe.
Danach verließ das Braupaar die Bühne und verschwand.
Einige Zeit später, in der die Gäste sich den Bauch vollschlugen, kamen die beiden wieder zurück. Elise hatte sich umgezogen; jetzt trug sie ein rotes Kleid mit einem Vogel, von dem sie meinte, es wäre ein Phönix, der für uns aber wie ein Pfau aussah. Wieder gingen beide zur Bühne.
Und dann kam der Schock des Abends. Elise hatte meine Tochter und ihren dunkelhäutigen Freund gebeten, kurz etwas zu sagen. Jetzt bat sie die beiden und mich zu sich auf die Bühne und erklärte erst einmal den anderen Gäste, wer wir drei waren und was Dirndl sind.
Nachdem ich das überlebt hatte, machte das Brautpaar eine kleine Pause an ihrem Tisch und die beiden aßen etwas von dem leckeren Essen.
Anschließend gingen sie noch einmal auf die Bühne und baten auch die beiden Elternpaare zu sich.
Soweit ich die Handlung dann verstand, wurden die beiden Elternpaare vorgestellt und gewürdigt.
Damit war der offizielle Teil beendet.
Während der folgenden Zeit futterten die Gäste und das Brautpaar zog von Tisch zu Tisch, um seine Gäste zu würdigen. Der Bräutigam hatte ein Schnapsglas und eine Flasche Schnaps in der Hand, gab Schnaps an jeden (Mann) aus, der welchen wollte und stieß mit allen Gästen an. Er selbst füllte sein Glas nicht mit Schnaps sondern mit Wasser.

Die Braut gab jedem männlichen Raucher eine Zigarette und zündete sie an.
Schon vor dem Essen wurde an männliche Raucher rote Zigarettenschachteln verteilt. Während der ganzen Zeit wurde fleißig geraucht, jedoch nur von Männern, aber die Klimaanlage schaffte es, den Rauch sofort zu entfernen. Am Ende roch nichts nach Rauch. Frauen scheinen in China in der Öffentlichkeit nicht zu rauchen.
Solange das Brautpaar von Tisch zu Tisch ging und auch danach noch, unterhielt der Conferencier die Gäste, indem er den anwesenden Kindern einige Aufgaben stellte. Die Kindertruppe musste von den Eltern (oder anderen Personen im Saal) angeforderte Dinge wie Schlüssel, Gürtel, Schuhe und anderes bringen. Das Kind, das als letztes kam, bekam ein Plüschtier und schied aus. Dieses Spektakel wurde immer wieder dadurch unterbrochen, dass der Conferencier wie bei einer Lotterie Nummern vorlas und Gewinne verteilte. Wie von Zauberhand lagen plötzlich vor unseren Plätzen ebenfalls Zettel mit Nummern, so dass wir bei diesem Spektakel ebenfalls mitmachen mussten. Der Inhalt der roten Tüten war immer derselbe: 1 l Geschirrspülmittel, 1 Tube Erdbeerzahnpaste (für Kinder) und 1 Tube Pfefferminzzahnpasta.
Irgend wann während dieser Zeit spielte der Conferencier auch ein paar Musikstücke (wohl zum Erraten) an und forderte zum Karaoke auf. Da machten auch einige der Gäste mit. Asiaten vertragen nicht viel Alkohol und so waren zu diesem Zeitpunkt einige der Gäste schon gut angeheitert; es wurde aber keine irgendwie auffällig - außer, dass sie beim Karaoke mitmachen wollten.
Um 21:00 mussten wir leider gehen, um die letzte Metro in die Stadt zu erreichen. Wir verabschiedeten uns herzlich von dem Brautpaar, das noch über den Empfang ein Taxi für uns besorgte. Meinen Zettel mit dem Namen der Metro-Station vom Mittag konnten wir hier erneut verwenden.
Im Hotel angekommen, beschlossen wir, die komplette Pack-Aktion auf den nächsten Morgen zu vertagen und dafür den Wecker auf 7:00 zu stellen.
Wir fielen nach diesem ereignisreichen Tag total erschlagen in unsere Betten.