Ich habe wirklich Mühe Shanghai mit dem traditionellen oder auch kommunistischen China in Verbindung zu bringen.
Weil ich mich noch gut an die Erzählungen meiner Tochter von ihrem damaligen Aufenthalt erinnerte und mich auch vorher etwas mit der Geschichte Shanghais beschäftigt hatte, war mir klar, dass ich in Shanghai das traditionelle oder kommunistische China nicht finden würde. Mein Schwiegersohn, der seine Kindheit in Sachsen verbracht hatte, hatte dasselbe Problem wie einige hier schon zum Ausdruck gebracht haben: Sein Eindruck von Shanghai hatte absolut keine Ähnlichkeit mit dem Bild, das ihm damals in der Schule vom "großen kommunistischen Bruder" vermittelt worden war.
Shanghai wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts von den Engländern erobert und als Handelshafen für Asien genutzt. Aus dieser Zeit stammen auch die alten Kolonialbauten am Bund. Erst zum Ende des Zweiten Weltkriegs marschierte die kommunistische Armee in Shanghai ein und gliederte es ins kommunistische China ein. Viele westlichen Firmen verlegten damals ihren Sitz von Shanghai nach Hongkong. Die 50 Jahre unter kommunistischer Verwaltung konnten die 100 Jahre unter westlicher (englischer) Herrschaft nicht auslöschen und so war Shanghai eine der ersten Städte, die bei der Öffnung Chinas für den Westen wieder als Ziel verfügbar war. Diese Geschichte ist in Shanghai überall präsent.
Meine Tochter hatte schon vorab solch eine Reaktion von ihrem Mann erwartet und mit eingeplant, uns das ursprünglichere, traditionellere China ebenfalls erahnen zu lassen bei einem
Ausflug nach Suzhou (Freitag, 2.10.2015)
Heute war das Wetter herrlich; die Sonne lachte vom wolkenlosen Himmel und es war wie die letzten Tage auch sommerlich warm. Nur etwas schwül war es immer noch.
Nach dem üblichen Pulverkaffee zogen wir los, um mit der Metro zum Westbahnhof zu fahren, von dem die Züge nach Suzhou abfahren. Dort angekommen, brauchten wir noch Fahrkarten. Wir suchten das ganze Terminalgebäude nach einem Fahrkartenschalter ab, weil die Automaten an Ausländer keine Tickets ausgaben. Endlich entdeckten wir an dem Ende, an dem wir die Suche begonnen hatten, ein im rechten Winkel zum Terminalgebäude stehendes weiteres Gebäude, an dem groß "Tickets" angeschrieben war. Da hatten wir alle Tomaten auf den Augen gehabt und sind überflüssigerweise 1/2 Stunde durch Hitze und Menschenmassen geirrt.
Einer der Schalter war für Ausländer eingerichtet; dort sprachen die Angestellten englisch. Wir kauften die personen- und zuggebundenen Fahrkarten für den nächstmöglichen Zug, der um 12:53 abfuhr, Zum Fahrkartenkauf brauchten wir unsere Pässe, die wir glücklicherweise bei uns trugen. Weil wir noch viel Zeit bis zur Abfahrt des Zuges hatten, verzogen wir uns erst einmal in eine etwas entfernte Querstraße zum Bahnhof, wo wir in einem Kiosk-Supermarkt süße Teilchen und Getränke für ein spätes Frühstück kauften und diese mit Heißhunger verspeisten.
Etwa 1 Stunde vor Abfahrt des Zuges gingen wir wieder zurück zum Bahnhof. Die Schlange vor dem Eingang war noch genau so lang wie heute Vormittag und so dauerte es einige Zeit, bis wir den Bahnhof betreten durften. Wie beim Fliegen war hier auch eine Fahrkarten- und Passkontrolle. Zusätzlich zu der von den Metro-Stationen schon gewohnten Prozedur, das Gepäck zu durchleuchten, mussten die Personen ebenfalls einzeln durch den Metalldetektor gehen und wurden noch mit einem Handgerät überprüft, wenn der automatische Detektor angeschlagen hatte. Kein Wunder, dass die Schlange am Eingang so lang war.
Wie in einem Flughafen gab es immer für 2 Gleise einen Wartebereich mit Drehkreuzdurchgängen. Die Fahrkartenleser an den Drehkreuzen sind so programmiert, dass sie den Durchgang nur für den aktuellen Zug gültige Fahrkarten freigeben. Die Freigabe erfolgt etwa 10 Minuten vor Abfahrt des Zuges und wird an der Abfahrtstafel des Wartebereichs angezeigt. Das war auch ohne Kenntnis der chinesischen Zeichen deutlich zu erkennen: Hinter der Abfahrtszeit des Zuges stehen chinesische Zeichen in Rot, die erst in andere in Grün wechseln, wenn der Durchgang freigegeben ist.
Für die Hinfahrt hatten wir nur noch Fahrkarten für die erste Klasse bekommen, was aber mit etwa 7.20 Euro pro Person durchaus bezahlbar war. Für die Rückfahrt hatten wir die zweite Klasse gebucht, die auch nicht so schlecht ist.
In den Zügen sind wie in einem Flugzeug auf jeder Gangseite in Fahrtrichtung ausgerichtete Sitze, 2-3 in der ersten Klasse und 3-3 in der zweiten Klasse. In beiden Klassen gibt es herunter klappbare Tische und Flaschenhalter sowie in der ersten Klasse zusätzlich zu den plüschigeren Sitzen noch herunter klappbare Fußstützen.
Schon während der Fahrt wurde China ländlicher und traditioneller:
Wir verlassen den Bahnhof - welche Wohltat! Es gibt keine Menschenmassen und das Dauerhupen von Shanghai ist auch verstummt!
Der Bahnhofsvorplatz:

Hier sehen wir auch noch (fast) traditionelle Rikschas. Aber der Fortschritt hat auch hier schon Einzug gehalten: Sie werden nicht mehr durch Muskelkraft bewegt (Fahrräder) sondern mit Elektrorollern. Wir gehen erst einmal am Fluss entlang zur Brücke in die Stadt. Unser erstes Ziel ist die große Pagode.
Die große Pagode liegt in einem sehr schönen Garten, der frei zugänglich ist. Leider ist die Pagode selbst nicht geöffnet.
In jeder der 6 Seiten ist eine Nische mit einer Buddha-Figur mit unterschiedlichen Stellungen der Arme und Hände:

Nach einer ausgiebigen Besichtigung dieser Anlage wollen wir versuchen, durch das angeschlossene Wohngebiet wieder zum Fluss zu kommen. Aber wir landen in einem der alten Wohngebiete mit winzigen Häusern und extrem schmalen Straßen, die wie ein Irrgarten angelegt sind. Den Ausgang zum Fluss finden wir nicht und so kehren wir nach einigem Umherirren wieder in Richtung Pagode um. Die Bewohner fragen sich wahrscheinlich auch, was die komischen Touristen in ihrem armen Wohngebiet zu suchen haben und wir fühlen uns auch als Störenfriede. So machen wir auch keine Fotos von diesem Gebiet. Uns ist nur aufgefallen, dass keiner der Deckel für die Kanalisation älter als 2009 ist. Auf Stromleitungen habe ich nicht geachtet.
Als wir wieder auf der Kreuzung vor der Pagode angekommen sind, ruhen wir uns in einem kleinen Restaurant aus und bestellen das erste Mal Kaffee und frittierte Kürbisküchlein. Wir bekommen extrastarken Nescafé, der gar nicht mal so schlecht schmeckt. Milch gibt es keine und so trinken wir ihn halt schwarz mit (viel) Zucker. Frisch gestärkt ziehen wir wieder los, wir wollen schließlich noch die Kanäle sehen, die Suzhou auch "Venedig des Ostens" genannt wird.
Als wir die Kanäle erreichen, parken da auch jede Menge Touristikbusse, die alle ihren Inhalt in die angrenzenden Straßen zu den obligatorischen Ständen ausgepuckt haben. Wir sind insgeheim froh, dass wir langsam wieder in Richtung Bahnhof abdrehen müssen und uns so die Entscheidung abgenommen wird, ob wir uns in diese Gewühl mischen wollen oder nicht.
Entgegen meiner heimlichen Befürchtung kam weder vom Fluss noch von den Kanälen trotz sommerlicher Temperaturen auch nur die geringste Geruchsbelästigung - im Gegensatz zu Venedig (im Frühjahr) vor Jahrzehnten. Überhaupt sind die Straßen in Shanghai und Suzhou sehr sauber.
Während der Rückfahrt wird es dann dunkel.
Das war ein sehr gelungener, erholsamer Tag - auch wenn die Füße so sehr qualmen, dass man eigentlich eine Rauchwolke sehen müsste.
Meine Tochter und ihr Mann wollen noch einmal zu den Souvenirbuden am Yu-Garden, um sich ein weiteres Bild mit Seidenstickerei zu kaufen. Mir tun die Füße so weh, dass ich lieber allein ins Hotel zurückgehe und mir nur ein kleines Bild mit Seidenstickerei mitbringen lasse.
Als meine Tochter und ihr Mann ins Hotel zurückkommen, beraten wir, wo wir zu Abend essen wollen. Mein Schwiegersohn weigert sich, die Wohnung noch einmal zu verlassen und auch ich will nicht weiter als ins Restaurant des Hotels. In der Infomappe im Wohnzimmer ist auch eine zweisprachige Speisekarte des Restaurants enthalten, aus der wir uns ein Menü für 3 Personen zusammenstellen, das meine Tochter persönlich im Restaurant bestellt (sie hat alles auf einem Zettel notiert) und vom Zimmerservice liefern lässt.
Schweinefleisch süß-sauer, Rind scharf, Rind mild, 2x Reis, gebratene Nudeln und Auberginen in Soja-Soße lassen wir uns schmecken. Dabei beraten wir noch, wann wir morgen aufstehen müssen und wie wir unsere Festkleider in der Metro zu dem Hotel transportieren, in dem die Hochzeit stattfinden wird und wo wir ab 11 Uhr zum Mittagessen eingeladen sind.